kuenstlicht | saša stanišić

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Di, 9.6.  20.00 Uhr  Literaturcafé
Haus des Buches,
Gerichtsweg 28
Leipzig

Das Buch


Saša Stanišić
Wie der Soldat das Grammofon repariert
Roman
 
Gebunden, 320 Seiten
ISBN-10: 3-630-87242-5
ISBN-13: 978-3-630-87242-1
 
Luchterhand Literaturverlag
 
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Auch als Hörspiel und Hörbuch und Stück erhältlich
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Wie der Soldat das Grammofon repariert wird in 29 Sprachen übersetzt und kam in einer szenischen Fassung im Mai 2008 auf die Bühne des Grazer Schauspielhauses. Eine weitere Theaterpremiere folgt am 21. März in Freiburg.

Inhalt:

– Als der Bürgerkrieg in den 90er Jahren Bosnien heimsucht, flieht der junge Aleksandar mit seinen Eltern in den Westen. Rastlos neugierig erobert er sich das fremde Deutschland und erzählt mit unbändiger Lust die irrwitzigen Geschichten von damals, von der groþen Familie und den kuriosen Begebenheiten im kleinen Višegrad. Aleksandar fabuliert sich die Angst weg und "die Zeit, als alles gut war" wieder herbei.

Aleksandar wächst in der kleinen bosnischen Stadt Višegrad auf. Sein größtes Talent ist das Erfinden von Geschichten: Er denkt gar nicht daran, sich an die Themen der Schulaufsätze zu halten, viel zu verrückt sind die Erntefeste bei seinen Urgroþeltern, viel zu packend die Amokläufe betrogener Ehemänner und viel zu unglaublich die Geständnisse des Flusses Drina. Als der Krieg mit grausamer Wucht über Višegrad hereinbricht, hält die Welt, wie Aleksandar sie kannte, der Gewalt nicht stand, und die Familie muss fliehen. In der Fremde eines westlichen Landes erweist sich Aleksandars Fabulierlust als lebenswichtig: Denn so gelingt es ihm, sich an diesem merkwürdigen Ort namens Deutschland zurechtzufinden und sich eine Heimat zu erzählen. Seinen Opa konnte er damals nicht wieder lebendig zaubern, jetzt hat er einen Zauberstab, der tatsächlich funktioniert: seine Phantasie holt das Verlorene wieder zurück. Als der erwachsene Aleksandar in die Stadt seiner Kindheit zurückkehrt, muss sich allerdings erst zeigen, ob seine Fabulierkunst auch der Nachkriegsrealität Bosniens standhält.

Mit "Wie der Soldat das Grammofon repariert" hat Saša Stanišić einen überbordenden, verschwenderischen, burlesken und tragikomischen Roman über eine außergewöhnliche Kindheit unter außergewöhnlichen Umständen geschrieben, über den brutalen Verlust des Vertrauten und über das unzerstörbare Vertrauen in das Erzählen.

Leseprobe

Was hinter Gottes Füßen gespielt wird, wofür sich Kiko die Zigarette aufhebt, wo Hollywood liegt und wie Mikimaus zu antworten lernt

Um 14.22 Uhr funkten sie den Waffenstillstand in den Schützengraben der Territorialen Verteidigung. Den dritten in diesem Monat. Um 14.28 Uhr schoss vom nördlichen Waldrand, aus dem serbischen Graben, der Ball im hohen Bogen auf die Lichtung, die auf etwa zweihundert Metern die Stellungen trennte, setzte zwei Mal auf und rollte zu den beiden zusammengeschossenen Tannen, die schon in den letzten Kriegsauszeiten als Pfosten gedient hatten.

Der Befehlshabende der Territorialen, Dino Safirovi?, genannt Dino Zoff, hechtete aus dem Stand auf den Grabenrand, formte mit den Händen einen Trichter um seinen Mund und streckte den Oberkörper nach hinten, als er auf die andere Seite rief, was ist, Tschetniks, wollt ihr wieder auf die Fresse? Er langte sich in den Schritt und schob die Hüfte vor und zurück, vor und zurück, lief dann einige Meter in Richtung Ball, zu der Stelle, wo Cora ausgestreckt lag mit einem Riesenloch im Kopf.
Wir haben eure Mütter schon zwei Mal arschgefickt, Mudschaheddiner Fotzen, tönte eine heisere Stimme aus dem serbischen Graben, während sich Kiko, Kiko - die Neun, Kiko - das Kopfballungeheuer, Kiko - die Eisenstirn von der weichen Drina - zu Dino Zoff gesellte, Cora an den Knöcheln fasste und hinter sich zum Graben schleifte. Er deckte ihn mit seinem Mantel zu und strich die blutigen Strähnen aus seiner Stirn, schau mal wie du aussiehst, mein Cora, flüsterte er, Gras und Erde überall.

Neben ihm schnalzte Meho mit der Zunge, kramte aus dem Ranzen das rot-weiße Trikot von Roter Stern und streifte es über seine Weste. Umständlich leerte er die Taschen: ein Schweizer-Messer, ein Feuerzeug, zwei Handgranaten, eine angebrochene Konserve Wurstaufstrich. Das Foto von Audrey Hepburn küsste er mehrmals verzückt und steckte es wieder ein. Auf Dino Zoffs fragenden Blick grinste er, sagte: jedem seinen Talisman, hast du gewusst, dass Maradona seine Unterhose ..., da bemerkte er Kiko und den toten Cora und hielt inne. Er hätte nicht rausgehen dürfen, egal wie dunkel..., setzte Meho an, entschuldigend und anklagend zugleich, begegnete aber Kikos Blick, seufzte und schob ihm eine Schachtel Drina unter die Nase. Jeder im Trupp wusste, dass Meho noch Kippen besaß, es wurde gemunkelt, die Schachtel sei sogar halb voll. Kiko nahm sich die vorletzte. Er lenkte sie waagrecht an die Oberlippe und sog ihren Duft auf.

Mirabellen, murmelte er und schloss die Augen, Hanifas Hals, wenn sie mich nach dem Training abgeholt hat, Kaffee, der richtige, türkische. Siehst du, mein Cora, du gehst drauf und ich krieg ne Kippe. Mit den Fingerspitzen streifte Kiko über Coras Augenlider und steckte sich die Zigarette hinters Ohr. Für nach dem Spiel, sprach er mit gesenktem Kopf.

Fünf-zwei und Zwei-eins hatten die Serben die letzten beiden Waffenruhen für sich entschieden. Ein gewisser Milan Jevric, genannt Mikimaus, machte im ersten Spiel drei der fünf Tore. Mikimaus war ein zwanzigjähriger Bauernbursche, der auf Zweimetersechs hundert Kilo wog, allein geschätzte dreißig in diesem Felsmassiv von einem Kopf, das er mitsamt Nasenvorsprung und zwei-drei dünnen Haarbüscheln auf seinem Ochsennacken trug. Eigentlich ein Innenverteidiger, überraschte er mit seiner Schusskraft sich selbst am meisten, als er zu Beginn der zweiten Halbzeit vorstürmte, aus dreißig Metern draufhielt und Dino Zoff geradewegs ins Gesicht traf. Erst als Marko, einer der beiden serbischen Stürmer, Dino einen Schnaps unter die Nase hielt, kam der wieder zu sich, sprach aber in den nächsten zwei Stunden nur noch fehlerloses Latein und gab einige Weisheiten von Cicero von sich. Seit diesem Volltreffer spielte Mikimaus im offensiven Mittelfeld und hämmerte aus jeder erdenklichen Lage auf das Leder ein. Wenn er einen seiner Schüsse mit dem rechten Vollspann abfeuerte und der Ball kugelscharf aufs Tor strich, warf sich Dino Zoff jedes Mal nicht furchtlos, aber tapfer in die Flugschneise, blieb danach regelmäßig mit schmerzverzerrtem Gesicht oder benommen liegen. Wahrscheinlich, weil die Brecher von Mikimaus anders nicht zu halten waren, vielleicht aber auch in der Hoffnung auf die Wiederkehr von Markos Schnaps. Mikimaus' Schüsse waren keine Kunstschüsse, sie kamen ohne Effet oder Außenrist aus und überraschten nach dem ersten Mal niemanden mehr. In ihrer Schnörkellosigkeit entsprachen sie Mikimaus' selten geäußerten, geradlinigen Gedanken, sie waren einfache Anstrengungen, für die der große Mann gelobt und gefürchtet wurde und die er daher wie ein Kind mit Begeisterung wiederholte.

Einen einzigen Makel hatte Mikimaus rechtsfüßige Gewalt und den nutzten die Territorialen gnadenlos aus. Nach jedem Schuss entlud der Riese seine ganze Kraft und Freude in einem Schrei, der musikalisch zwischen dem Brunstruf eines Stieres und dem Bremsgeräusch eines Fünfundzwanzigtonners mit Anhänger auf steil abschüssiger Straße lag - Original Monika Selesc!, rief Kozica, der ziegenbärtige Linksaußen der Territorialen, nach einem solchen Aufjauchzen durch Berg und Tal, und prustete los.

Spielt Monika heute wieder mit?, oder: Monika, Monika, spiel an mir Mundharmonika!, frotzelten seitdem Dino Zoffs Männer und stöhnten laut, sobald Mikimaus am Ball war. Und dieses Gebirge von einem Mann, für den es keine passende Uniform gegeben hatte, so dass er seine riesenhaften Latzhosen von Zuhause anbehielt, wurde durch die Sticheleien verunsichert. Im zweiten Spiel dämpfte er seine Schreie, prompt fielen auch seine Weitschüsse zurückhaltender aus und bereiteten Dino Zoff kein Kopfzerbrechen mehr. Wenn ein Gegenspieler in seiner Nähe aufjodelte, zuckte Mikimaus zusammen, der Felsenkopf kippelte auf den vergleichsweise schmächtigen Schultern und die schmale Stirn furchte sich vor Gedanken. Gerne hätte Mikimaus sie geäußert, wenn man ihm nur etwas mehr Zeit gegeben hätte, aber schon verlagerte sich das Spielgeschehen auf die andere Seite und der Spötter fegte davon.

Auch heute johlte Kozica beim Warmmachen auf die serbische Seite: ach, wie schade, dass Fräulein Graf nicht auf den Igman kommen konnte! Sie ist in Wimbledon, lässt aber Monika liebe Grüße ausrichten, das mit dem Nagellack geht klar. Uh, uh, uh, rief Kozica und seine Kameraden fielen mit ein.

Zweimal vierzig Minuten, erste Halbzeit ein Schiedsrichter von den Territorialen, zweite ein Serbe - wenn schon beschissen wurde, dann gleichmäßig verteilt beschissen. Zwischen den Tannenpfosten am südlichen Rand der Lichtung zog Mikimaus ein Seil als Latte fest. Das andere Tor bestand aus Überresten des Zauns, der einen der beiden Karrenwege gesäumt hatte, die sich auf der Lichtung kreuzten. Der Maschendraht zwischen den Zaunlatten wurde gekappt, die Pfosten mit Brettern auf zweieinhalb Meter verlängert. Wer die Wege kontrollierte, kam am Berg schneller voran und musste sich nicht durch dichte und ungenau kartografierte Wälder schlagen, mit mehr Minen als Pilzen in der Erde. Darum ging es hier seit zwei Monaten - um zwei Karrenwege. Einer davon ging weiter unten im Tal in eine asphaltierte Straße über, die nach Sarajevo führte. In ordentlichen Zeiten zogen Fliegen ihre Quadrate über getrockneten Rinderkot, mittlerweile kam kein neuer Kot zum Trocknen hinzu. Die Rinder von den Bauern, die nicht höher ins Gebirge getrieben wurden, hatte man längst erlegt, und die Menschen vergruben ihre Scheiße. Die Fliegen kreisten jetzt über den Leichen, die nicht immer sofort unter die Erde gebracht werden konnten.

Um 16 Uhr trafen die Mannschaften in der ungefähren Mitte des Spielfeldes aufeinander, die restlichen Soldaten ließen sich als lebende Aus-Linien in langen Reihen auf die Wiese nieder. Waffen trug niemand sichtbar, einige Gewehre lehnten gegen Bäume. Die Spieler passten sich den Ball zum Aufwärmen schweigsam zu, die Seitenwahl gewannen die Serben.

Etwas abseits umarmten sich Kiko und Mikimaus. Sie kannten sich aus der Schule, beide waren sie in der achten Klasse zweimal sitzen geblieben, das war ungewöhnlich. Noch ungewöhnlicher war es, dass jemand auch noch zweimal die erste Klasse wiederholen musste, die vierte und die sechste. Einmal, mitten in einer Matheklausur, fragte der Junge mit dem immer offenem Mund, wie man eigentlich lernte. Bei den Mitschülern galt er als stiller, gutmütiger Koloss, der auf die Frage, wann Kolumbus Amerika entdeckt hatte, aus dem Fenster sah und "Kartoffelkäfer" antwortete. Der knapp siebzehnjährige Kiko dagegen zählte zu den besten Fußballtalenten des Landes. Während er von den Vereinen der ersten Liga umworben wurde, schuftete Mikimaus Tag und Nacht auf dem Bauernhof seiner Eltern, und nichts deutete darauf hin, dass bessere Tage und bessere Nächte kommen würden.

Und sie kamen doch - mit dem Krieg. Mikimaus fragte: wo ist der Krieg?, seine Mutter antwortete: Gott sei Dank noch weit weg, er fragte: gut, für wen sind wir?, sein Vater gab zurück: du bist Serbe. Am nächsten Tag stand Mikimaus mit einem Rucksack in der Tür, der auf seinem weiten Rücken wie ein Kosmetiktäschchen aussah. Er sagte zu seinem Vater, zu den zehn Spiegeleiern vor seinem Vater, zur hellblau befliesten Küche, zur gekerbten Tischplatte aus Kirschholz, zum staubigen Hof, zum Mistgestank aus dem Stall, zum Pflug, der ihm den Rücken so endlos mit Muskeln durchzogen hatte, zu den zahllosen Maissäcken, in die er Nacht um Nacht mit voller Wucht trat, aus Wut über den Vater, über Vaters zehn Spiegeleier jeden Morgen, über die Tischplatte, in die er seinen Namen eingeritzt hatte, als er einmal zwei Wochen unter dem Tisch hatte schlafen müssen, über den Hof, wo ihn sein Vater in den Staub warf und mit Füßen nach ihm trat, über den Mist, in dem er sein ganzes Leben watete, über den Pflug, weil er kein Ochse war: Auf Wiedersehen, ich bin jetzt weit weg, ich bin im Krieg.

Mikimaus' Vater kaute zu Ende, trank seinen Blumenkohlsaft aus und wischte sich mit dem Geschirrtuch über den Mund. Er schob den Stuhl nach hinten, erstarrte aber in der festen Stimme seines Sohnes, der sagte: stehst du auf, machst du einen Schritt, dreh ich dir den Hals um wie einem Huhn, ich bin jetzt weit weg. Fünf Tage wanderte Mikimaus, fragte sich durch, sagte so oft, er sei Serbe, bis man ihm ein Gewehr gab. Kann ich schießen gehen?, wollte er wissen, und lernte, wie man lud und entsicherte. Er wurde auf den Igman geschickt, wo die serbischen Truppen die Belagerung von Sarajevo vorbereiteten. Mikimaus klagte nie. Er fand sie besser als das Zuhause, die abgelegenen Orte, über die seine Kameraden sagten, Gott habe sie längst verlassen und vergessen, und so ein Gott dreht sich nicht noch mal um. Sie sagten: hinter Gottes Füßen.

Der Spitzname machte Mikimaus nichts aus. Ich mag auch die Ente und den Hund, sagte er, Pluto ist halt ein bisschen tollpatschig. In der Schule hatte er noch nicht Mikimaus geheißen, und Kiko nannte ihn heute noch Milan.

Milan, sagte Kiko und legte Mikimaus die Hand auf den Oberarm, ihr habt heute Nacht Cora weggefickt.

Mikimaus hob die Augenbrauen, zog den Kopf ein und holte Luft für eine Antwort. Sein Gesicht verlor jegliche Symmetrie, blass und mit den Aknenarben sah es aus wie unbehauener Stein. Kiko wartete auf eine Antwort, aber Mikimaus atmete bloß aus und schloss seinen pausenlos geöffneten Mund. Presste die Lippen zusammen wie andere den Blick senken.

Ein schriller Pfiff signalisierte das Ende des Aufwärmens.

Mikimaus nahm Kikos Hand von seinem Arm. Kiko, die haben gesagt: Mikimaus, du spielst wieder hinten.

Dass er der Einzige gewesen war, der in dieser Nacht geschossen hatte, sagte Mikimaus nicht. Aus dem Wald flog ein schwerer Vogel auf, und der große Mann lief zurück in die Abwehr.

Gavro, der serbische Spielmacher, ein schwarzhaariger Lockenkopf mit einem tätowierten Raben an der Schulter, pfiff dem Vogel spitz hinterher. Gavro pfiff nur dann nicht und summte kein Liedchen, wenn er sprach oder aß. Sogar im Schlaf schnarchte er unter seinem Schnurrbart ein klangvolles "An der schönen, blauen Donau". Der Vogel überflog die Lichtung und segelte im Süden talwärts hinter die Bäume. Gavro schnappte sich den Ball und ging zum Schiri, der wie gebannt auf seine Uhr starrte.

Fick die Sonne, Mann, wartest du auf ein Zeichen Allahs? Ist nicht so, dass wir Zeit haben, Mann!

Der Angesprochene würdigte ihn keines Blickes, sah weiter auf den Sekundenzeiger, also schnippte Gavro den Ball mit der Fußspitze hoch, hielt ihn mit links und rechts abwechselnd in der Luft, balancierte ihn auf der Stirn, ließ ihn auf dem Oberschenkel abtropfen und stoppte ihn auf dem Spann. Dazu trillerte er die Melodie von "Somewhere over the rainbow" in einer so lauten Weise schön, dass sich Köpfe nach ihm drehten. Die Männer blinzelten in diesem Konzert aus Nachmittagssonne, Ballgeschick und wohlklingenden Melodien, traten von einem Bein auf das andere oder standen einfach herum und stützten die Hände auf die Hüften. Ruhig wurde es auf Igman häufiger in den letzten Monaten, vor allem nachts, wenn auf der Lichtung und im Tal die Waffen ruhten. Aber so friedlich wie vor dem Anstoß und zu Gavros Angedenken an vielleicht Glenn Miller, war es hinter Gottes Füßen seit langem nicht mehr gewesen.

General Mikado, der Befehlshabende der serbischen Einheit, schlug dem Pfeifenden mit der flachen Hand gegen den Hinterkopf, nahm ihm den Ball vom Fuß, pfiff selbst schrill in die Finger und spielte den ersten Pass. Kannste sieben Sekunden früher abpfeifen, rief der Mann mit gedrungenem Oberkörper und schrägen Augenschlitzen, denen er seinen Spitznamen verdankte. Er stürmte am Schiri vorbei und wich auf den rechten Flügel aus, wo er keine zwei Minuten später das Eins-null für die Serben vorbereiten würde - eine Flanke auf den Kopf von ebenjenem pfeifenden Gavro.

In den frühen Achtzigern hatte Dejan Gavrilovic Gavro eine Karriere als Klarinettist aufgegeben, um Fußball-Profi zu werden. Es folgten fünf Jahre Abstiegskampf in der zweiten Liga, dann ein Kreuzbandriss. Während der Genesungszeit hatte er wieder mit der Klarinette begonnen und gab Ende der Achtziger mit seinem Bruder Konzerte in Belgrader Jazzkneipen. Sie nahmen eine Platte auf, die nicht unbeachtet blieb. Im November einundneunzig wurde der Bruder eingezogen und fiel nur vier Tage später in der kroatischen Provinz. Gavro legte ein zweites Mal die Klarinette weg, dieses Mal, um Soldat zu werden. Er focht in ebenjener Provinz, erlebte das Ende des Krieges in Kroatien und erkundigte sich, ob er kurz mal duschen könne und wie es mit frischen Handtüchern aussehe, als er gefragt wurde, ob er sich weiterrächen wolle, an Sarajevo zum Beispiel.

Das Zwei-null machte Mikimaus mit einem seiner Gewaltschüsse. Er eroberte sich den Ball an der Eckfahne - ein in die Erde gerammtes Gewehr - und marschierte durch die Reihen des Feindes, begleitet von spöttischen Zurufen, aber nicht konsequent genug angegriffen. Die Beleidigungen schienen ihm dieses Mal nichts auszumachen, noch in der eigenen Hälfte peilte er Dino Zoff an, der Mund sperrangelweit offen wie eh und je. Ein Doppelpass, eine Körpertäuschung, Schuss, uuh!, und Dino Zoff konnte den Ball nicht entscheidend ablenken. Nach dem Schuss war Mikimaus schlagartig stehen geblieben und hatte die Kugel mit zum Gruß erhobenem Arm verfolgt, als verabschiedete er einen guten Freund auf eine lange Reise.

Die Territorialen hatten ihre einzige gute Torchance Ende der ersten Halbzeit, als Kiko einen Alleingang durch die gegnerische Defensive mit einem Tannenpfostenknaller abschloss. Im direkten Gegenzug spielte Gavro, der Klarinettist, einen Pass auf Marko in die Sturmspitze, Meho kam aber einen Tick schneller an den Ball und drosch ihn mit voller Wucht aus dem Strafraum, aus dem Spielfeld, aus der Lichtung und in den Wald.

Eh, fick doch die Waldfee, schüttelte Meho den Kopf und ging in die Hocke, als müsse er sich übergeben. Der Schiri pfiff, zeigte erst auf Meho, dann zum Wald - eine Geste, die es wohl bei keinem anderen Fußballspiel auf der Welt gab, und die bedeutete: Meho hat die Scheiße verbockt, also hat er das Ding auch zu holen. Einen Plan, wo genau die Minen lagen, konnte man ihm allerdings nicht mitgeben, vermutlich existierte so etwas gar nicht. Die Minen aber existierten ganz gewiss. Noch bevor sich die Front um die Lichtung verhärtete, hatten die Serben bei einem Versuch, von hinten an die Territorialen heranzukommen, zwei Mann in dem Wald verloren und vom dritten ein Bein. So isses gut, holt sie euch brav alle zurück und lasst ja keine liegen, schade um die Ziegenböcke, hatte es damals von den Stellungen der Territorialen gedröhnt.

Dino Zoff griff Meho unter die Arme. Mensch, Meho, flüsterte er, haben wir es nicht tausend Mal besprochen: eine gute Abwehr haut den Ball nicht weg! Hinten schön abgeklärt, kurze Pässe, das kann doch echt nicht schwer sein.

Kann nicht schwer sein, flüsterte auch Meho zu sich, als er, begleitet von zwei Sanitätern, am Waldrand ankam und sich umschaute. Alle Spieler und beide Aus-Linien sahen in seine Richtung. Irgendjemand winkte, also winkte Meho zurück. Der Ball lag etwa zwanzig Meter vom Waldrand entfernt, friedlich unter rotem Farn auf Moos gebettet. Die Sonne durchflutete das Waldstück mit gleißendem Licht, die Strahlen fielen schräg durch die Blätter auf den leicht ansteigenden Waldboden, der dem zitternden Mann im Trikot von Roter Stern Dutzende Minen verheimlichte. Das Trikot! Panisch zog Meho den rot-weißen Dress seiner Lieblingsmannschaft aus, küsste den Stern und faltete es auf dem Boden sorgfältig zusammen.

Meho, warte mal! Marko war seinem Gegenspieler die kleine Anhöhe hinauf gefolgt. Hier, für den Ball, zwinkerte der serbische Stürmer und reichte Meho eine kugelsichere Weste, wickel ihn gut ein, bevor du zurückläufst.

Meho starrte die schwarze Weste an.

Sag mal, Meho, wie kommt das denn eigentlich? Marko hob Mehos Trikot auf und schüttelte den Kopf. Die sind doch Belgrader?

Mehos Kinn zitterte. Immer und ewig die Rot-Weißen!, schnarrte er und wischte sich den Schweiß aus der Stirn. Er streifte Markos Weste über und sagte mit bebender Stimme: geh du mal lieber zurück, und dann in akzentfreiem Englisch, indem er einen Schritt in den Wald trat: this could get fuckin' dangerous.

Mit Mehos Trikot in der Hand lief Marko zu den anderen zurück. Man saß im Gras, unterhielt sich und sah zu den Bäumen, auch nachdem Meho in ihrem Schatten verschwunden war. Gavro kratzte sich mit einem Holzsplitter unter den Fußnägeln und pfiff eine verspielte Melodie vor sich hin. Der satte Pfeifton schaukelte zwischen den nackten Oberkörpern der serbischen Elf und tanzte vor den konzentrierten Gesichtern der Territorialen. Ein Klezmer, und sie alle hörten demselben Lied zu, einige tippten zum Takt ins Gras oder sich gegen den Oberschenkel andere nicht, das war der einzige Unterschied. Den Bäumen beim Waldsein zuzusehen, war ein zuhörendes Warten. Auf Meho, auf ein neues Lied oder auf einen Knall.

Es knallte, als General Mikado wieder auf Gavros Hinterkopf schlug. Das Lied verstummte, und der General fragte laut und betonte jede Silbe, als würde er auf einer Bühne sprechen: was machen wir eigentlich, wenn uns wegen des Schwachkopfs der Ball kaputtgeht?

Niemand antwortete. Der General kratzte sich im behaarten Nacken.

Die beiden Sanitäter am Waldrand aßen Brot und sahen in den Wald. Sie wollten sich Mehos Spur so genau wie möglich einprägen, damit sie ihr folgen und sofort eingreifen konnten, falls er in die Luft flog.

Meho flog nicht in die Luft, er kackte sich nur die Hose voll, das kann man auswaschen. Die Seinen und auch einige Serben jubelten ihm zu, als er mit dem Ball unter dem Arm und dem Kopf auf den Schultern auf die Lichtung stolzierte, als hätte er gerade in der Nachspielzeit des Finalspiels gegen mindestens Brasilien das Eins-null geschossen und würde sich auf den Weg zu den Stehplätzen machen, um sich feiern zu lassen. Aus der Nähe sah sein Stolz mehr nach Zorn aus, aus der Nähe zitterte der Arm mit dem Ball, aus der Nähe hatte Meho ein graues Gesicht, eine dicke, blaue Ader mitten auf der Stirn und roch ganz schön streng. Aus der Nähe sagte er: hier der Ball, alles klar, geht gleich weiter, ich müsste mich mal umziehen, aber ich hab nichts mehr. Und zu Marko: komm her, Trikottausch Schusssicher gegen Roter Stern, und weißt du, es ist mir egal, woher meine Mannschaft kommt, die Jungs spielen doch nur Fußball. Als ich so groß war - Meho zeigte in Höhe seiner Hüfte -, waren sie meine Helden. Das Finale gegen Marseille einundneunzig! Dieser Sieg! Dieses Elfmeterschießen! Es ist mir auch egal, ob du Serbe bist. Solang du nicht auf mich schießt oder mit meiner Frau schläfst, ist mir alles egal.

Meho streifte sich sein Trikot über und stakste zurück zum Graben, der bis auf den dicken, in der Sonne dösenden Funker Sejo und drei Verwundete, die Domino spielten, gänzlich leer war. Mein Gott, wie viel Mist hier herumliegt! Es müsste mal ordentlich aufgeräumt werden, wie leben wir hier überhaupt? Er zog die Augenbrauen zusammen und sah sich im zugemüllten Graben um, als würde er ihn zum ersten Mal betreten. Direkt vor ihm lag eine leere Konserve Wurstaufschnitt, sie war so sauber geleckt, dass sich keine einzige Fliege für sie interessierte. Er lupfte sie aus dem Graben. Mit Wasser aus einem weißen Plastikkanister wusch er sich ausführlich, spülte seinen Arsch aus und schrubbte mit dem sauberen Hosenbein die Innenseite seines Oberschenkels ab.

Und wie ich da so ein bisschen o-beinig in diesem Abfalleimer von einem Schützengraben stand, mein Cora, hinter Gottes verpilzten Füßen, mein armer Cora, und wie ich da so Wasser über meine Finger goss, dachte ich mir die ganze Zeit: ja nicht zu viel Wasser verschwenden, Meho, nimm Gras und Blätter, wenns sein muss, und wie ich dann auch noch so bräunliche Tropfen zwischen den Härchen abwischen musste, ehrlich, da musste ich plötzlich so heftig flennen, ich musste so heftig flennen, mein guter Cora, ich hab geglaubt, die Tränen fließen mir nicht nach unten über die Wangen, sondern schießen glatt nach vorne durch die Augen ab, ehrlich. Ich sag dir, mein Cora, ein Scheißtag, und ich hoffe, du verstehst, wenn ich mir jetzt deine Hose leihe, keine Angst, ist nicht kalt bei uns hier draußen, die Sonne scheint, sie hat mir im Wald genau gezeigt, wo ich auftreten darf, ehrlich, mit den Strahlen aufm Boden! Nackt kann ich die Tschetniks jedenfalls nicht schlagen, wir liegen Zwei-null hinten, ich sag ja, ein Scheißtag, Cora, aber wem sag ich das? Meho strich dem Toten übers Haar und knöpfte ihm die Tarnhose auf, nur für das Spiel, Cora, sagte er, du kriegst sie danach zurück, Pionierehrenwort!

Die etwa fünfzig Meter bis zum Spielfeld überquerte Meho im Laufschritt. Die letzten zehn brauchte er, um zu begreifen, dass sein Scheißtag noch lang nicht zu Ende war. Seine Einheit war in Höhe des Tannentors aufgereiht, manche hielten die Hände am Hinterkopf. Im Halbkreis vor ihnen standen an die zehn Serben mit Maschinengewehren im Anschlag, andere rannten kreuz und quer über die Lichtung und sammelten die restlichen Waffen zusammen. Von niemandem beachtet, lag der Ball abseits, sah dort, in höherem Gras, eher aus wie ein Stein. Meho blinzelte, bewegte lautlos die Lippen. General Mikado deutete eine Umarmung an. Aah, rief er, das war doch mal ein Parfüm, das zu einem Moslem passt!

Während Meho nach Waffen durchsucht, dann - das Gewehr im Rücken - zu den anderen getrieben wurde, war in der Ferne die Artillerie zu hören. Einzelne Gewehrsalven, durch Weite und durch Sonne weich gefiltert, matt und ein bisschen müde. Der dicke Sejo, der Funker der Territorialen, wälzte sich mit einem panischen Gesichtsausdruck auf den Grabenrand, doch bevor er verkünden konnte, was inzwischen jeder aus den Kampfgeräuschen gehört und verstanden hatte, dass die Waffenruhe nämlich vorbei war, feuerte der serbische Torwart mehrere Schüsse auf ihn ab. Sejo knickte ein, erst auf ein Knie, dann seitlich weg, und blieb absonderlich verrenkt liegen, das Knie weiterhin gegen den Boden.

Du verficktes Schwein!, schrie Dino Zoff in die ersten Schüsse, löste sich aus dem Haufen der Gefangenen und hob beschwörend die Hände mit den Torwarthandschuhen, wir ergeben uns doch, wir wehren uns nicht, wir wehren uns & Weiter kam er nicht, General Mikado holte ihn ein und drückte ihm die Pistole erst an den Hinterkopf, dann, indem er ihn zu Boden stieß, seitlich an den Hals.

Ich sehe das anders, Affe! Spucke benetzte Dino Zoffs Wange und Mund. Ich sehe, dass ihr euch ganz erbittert wehrt, ich sehe, dass ihr bis zum letzten Mann kämpft! Leider, leider sehe ich aber keinen Mudschaheddin, der überleben wird, um von der glorreichen letzten Schlacht zu erzählen. General Mikado schob Dino von sich und zielte jetzt mit der Pistole auf seine Brust. Seine Soldaten hatten sich ein dreißigköpfiges Erschießungskommando vor die Gefangenen in Position gebracht.

In Ordnung! Dino riss den Arm über den Kopf, in Ordnung, dann kämpfen wir eben, lass uns weiterspielen!

Was? General Mikado verzog angewidert das Gesicht.

Du willst Unbewaffnete abknallen? Gut, ich trau dir Schlimmeres zu, weiß gar nicht, wie ich meine Jungs zurückgehalten hätte, wenn wir schneller an den Waffen gewesen wären. Aber das Spiel ist noch nicht zu Ende! In Dinos Mund sammelte sich Spucke. Eine Halbzeit haben wir noch! Bist du Fußballer genug, kicken wir weiter. Und falls wir das Spiel noch drehen und du dann auch noch Mann genug bist, wird hier niemand hingerichtet, niemand! Gewinnt ihr ..., er blickte sich nach seinen Leuten um und richtete sich auf, dann bleibst du halt dein Leben lang ein verfickter, jämmerlicher Mörder!

Und Dino Safirovic, den man aus der Schule geschmissen hat, weil Latein und die klassischen Lehren zwar für die Erziehung junger Menschen ganz wesentlich sind, Saufen dagegen nicht zog die Handschuhe fester über die Finger. Und Dino Safirovic, der Cicero-Liebhaber, der sich freiwillig gemeldet hatte, weil er dachte, dass es an der Front weniger Alkohol gab, und er unbedingt mit dem Trinken aufhören wollte, klatschte in die Hände, dass Staub sprühte. Und Dino Safirovic, genannt Dino Zoff, die Katze vom Trebevic, sah General Mikado in die Augen und fauchte: komm schon, Mann, komm schon!

Das Zwei-eins köpfte Kiko in der vierten Minute der zweiten Halbzeit, im selben Augenblick, als es im Tal eine größere Explosion gab. Das zweite Zwei-eins köpfte er fünf Minuten später, und auch dieses wurde wegen angeblichen Abseits aberkannt. Diese meine Stirn, klopfte sich Kiko gegen den Hinterkopf, war nicht im Abseits.

Doch es half nichts. General Mikado hatte Dino Zoffs Herausforderung belustigt angenommen, unter der Bedingung, dass er selbst nicht nur mitmachte, sondern das Spiel als Schiedsrichter leitete. Gelbe Karten habe ich keine da, sagte der General, fürs Meckern gibts ne Kugel.

Dem Drei-null für seine Mannschaft war ein klares Torwartfoul vorausgegangen. Dino Zoff wurde bei einer Flanke unterlaufen und stürzte zu Boden, überhaupt gingen die Serben so entschlossen und mit so einer Härte vor, als würde ihr Leben und nicht das ihrer Gegner von dem Spielergebnis abhängen.

Beim Drei-eins zog Kozica ansatzlos aus der zweiten Reihe ab, und der Ball rauschte ins Tor. Eine Minute später wurde Kozica mit einer Platzwunde an der Stirn vom Platz getragen, nachdem ein Aus-Linien-Soldat ihn erst von den Beinen geholt, dann mit dem Gewehrkolben niedergeschlagen hatte. Über die Außen griffen die Territorialen danach nicht mehr an.

In der sechzigsten Minute prallten Mikimaus und Kiko zusammen. Sie stürzten zu Boden, das Spiel lief weiter. Die Sonne berührte im Westen die Baumkronen, die Mücken schwirrten umher durch die ansetzende Dämmerung. Seit sich Mikimaus Zweimetersechs nach Kikos beiden nicht gegebenen Treffern um den besten Mann der Territorialen kümmerten, kam Kiko zu keinem Kopfball mehr. Nach dem Zusammenprall hielten sich beide die Brust, blieben sitzen. Kiko verzog das Gesicht, gut, dass man Rippen hat, sagte er, und Mikimaus nickte: ganz gut, diese Rippen. Seine Pupillen wanderten unruhig über Kikos Gesicht, er holte Luft und stieß sie wieder aus. Schon wollte der große Mann aufstehen, stützte sich mit der Faust ab. Die aber ergriff Kiko, flüsterte: ja, steh auf, mein Milan, nicht wieder sitzen bleiben, bloß nicht mehr sitzen bleiben.

Nicht?, wunderte sich Mikimaus, sperrte den Mund weit auf und blieb beim nächsten Kopfball von Kiko zwar nicht sitzen, aber wie angewurzelt stehen, er sprang nicht hoch, Aufsetzer, Drei-zwei.

Nach dem Anschlusstreffer wusste General Mikado alle Bemühungen der Territorialen zu verhindern, sich dem Tor seiner Mannschaft auch nur zu nähern. Jeder Zweikampf wurde als Foul gewertet, jeder Pass in die Spitze abgepfiffen, jeder Einwurf ging an seine Mannschaft, sogar offensichtliche Befreiungsschläge, die im Aus landeten.

Zwei Minuten vor Spielende tankte sich Kiko auf halblinks durch; er mied jeglichen Körperkontakt, um General Mikado keinen Anlass zu geben, Foul zu pfeifen, wich aus, bog sich, sprang. Mit letzter Kraft flankte er vor das serbische Tor - ein ungefährlicher Ball auf den kurzen Pfosten, der rechte Verteidiger der Serben schlug jedoch ein Luftloch, Mikimaus verfehlte den Aufsetzer, der Rest - Freund und Feind - rutschte am Ball vorbei oder war zu überrascht, um überhaupt zu reagieren, und die Kugel kullerte zu Meho. Der war in der zweiten Halbzeit nur gedankenverloren über die Wiese geirrt und hatte wie hypnotisiert vor sich hingemurmelt: kann doch nicht so schwer sein, meine Audrey, nicht so schwer; man hatte ihn vom Feld geschoben, weil er auch den eigenen Leuten im Weg standen, aber nachdem drei Spieler verletzungsbedingt runtermussten - gefoult oder von den Aus-Linien brutal zusammengetreten -, wurde er wieder auf den Platz geholt.

Da lag also der Ball vor seinen Füßen, aber Meho sah gar nicht hin, entrückt starrte er gen Osten. Aus dem Tal war heftiges Artilleriefeuer zu hören, blechern, hohl. Verlangsamt wie eine Wiederholung im Fernsehen und als ginge ihn keine seiner eigenen Bewegungen irgendetwas an, verlagerte er das Gewicht nach links und knipste den Ball locker mit rechts hinter dem Standbein ins Tor. Für dich, sagte er mit brüchiger Stimme und langte unter sein Trikot, ein Tor für dich! Mit glänzenden Augen führte er Audrey Hepburns Foto an die Lippen, flüsterte: jetzt ist echt Hollywood, meine Audrey, eh fick mich für ein Happy End!

1986 war Meho in den USA - seine einzige Reise in den Westen. Fünf Jahre hatte er von seinem Maurergehalt gespart, bei seinem Vater gewohnt und niemals unnötig Geld ausgegeben. Abend um Abend sah er sich amerikanische Filme an, am liebsten Thriller, Horror und Audrey. Er lernte auf Englisch zu fluchen und konnte akzentfrei Kaffee bestellen.

Nach seinem Tor schlich Meho über den Platz, den Kopf in den Nacken gelegt. Das Spiel lief weiter, einmal traf ihn der Ball im Rücken, aber der Himmel, nicht der Ball, interessierte Meho. Jemand rief seinen Namen, we are the champions, antwortete Meho. Am Strafraum seiner Mannschaft angekommen, blieb er stehen und prüfte mit gestrecktem Arm, ob es regnete. Er rümpfte die Nase und kreuzte die Arme vor der Brust, als käme wirklich ein Regen und der wäre kalt. Jemand fiel vor seine Füße, Aufregung, Tumulte, ein Pfiff, eine Gewehrsalve.

Warum sind meine Fingernägel nur noch dreckig? Ich würde so gern telefonieren, einmal wieder irgendjemanden anrufen. Recht laut unterhielt sich Meho mit dem Himmel, stand dabei im Wege, wurde geschubst, taumelte.

Eine Spielertraube hatte sich um General Mikado gebildet. Erst als jemand in die Luft feuerte, nahmen die Männer Abstand. Elfmeter!, rief der General und schnappte sich den Ball. Dino Zoff schüttelte den Kopf, nie und nimmer war das Foul!, winkte er ab und fixierte den Ball, der jetzt auf dem abgeschrittenen Elfmeterpunkt lag. General Mikado trat an, nachdem er zuvor selbst auch den Gefoulten gemimt und für sich den Elfmeter gepfiffen hatte.

Halt dein blödes Maul! Der serbische Torwart fuhr Dino Zoff von der Seite an. Er war nach dem vermeintlichen Foul vom eigenen Strafraum über den ganzen Platz gerannt, hatte sich von einem der Soldaten am Feldrand eine Pistole geben lassen und zielte jetzt damit von der linken Tanne auf Dino. Kann sein, du hältst den Elfer, kniff er das Auge zusammen, aber hältst du auch eine Kugel?

General Mikado grinste, hob den Daumen in Richtung seines Torwarts und lief an.

Meho hatte dem Elfmeterschützen längst den Rücken gekehrt und entfernte sich vom Strafraum, sah nicht zurück. Vielleicht wird unten, erzählte er seiner Audrey, bloß feierlich geschossen, weil der Scheißkrieg vorbei ist. Mit dem kurzen Haar sah Audrey wie ein Junge aus. Sie trug Schwarz und lehnte sich an eine weiße Wand. Meho blickte von dem Foto auf und sah zerstreut zur Stelle, an der einige Buchen den Rand des Plateaus säumten und der Karrenweg eine enge Linkskurve um einen Felsen beschrieb, bevor der steile Abstieg ins Tal begann. Vom Osten kam Wind auf, nahm zu. Meho, schon in der Nähe der Bäume angekommen, konnte sehen, wie der Wind die Blätter erzittern ließ. Auch Meho zitterte, stärker noch, als im Wald, von Minen umgeben. Die Windböe kühlte Mehos Gesicht unter Tränen ab, die kamen, nachdem in seinem Rücken der Schuss aus der Pistole des serbischen Torwarts fiel und ein heller Schlag wie eine sehr laute Ohrfeige folgte. Es waren dieses Mal keine reißenden Fluten, aber es waren männlich viele. Eh, fick doch die Wasserhähne, murmelte Meho und rieb sich die Augen, ohne anzuhalten.

Hinter ihm raunte die Menge, ein jubelnder Aufschrei folgte, dann Geräusche und Rufe, die der müde Meho wahrscheinlich gar nicht mitbekam und kaum hätte einordnen können, so wie er auch den serbischen von dem bosniakischen Jubel nicht hätte unterscheiden können, man freute sich hierzulande eigentlich gleich. Und auch wenn er das Tor gesehen hätte, das bejubelt wurde, es wäre für ihn unmöglich gewesen, aus dieser Entfernung mit Gewissheit zu sagen, ob der Ball sechzig oder siebzig oder sogar achtzig Meter weit geflogen war, bevor er sich ins serbische Tor senkte. Gleich würde Meho nämlich die Buchen am Ende der Lichtung erreicht haben. Er würde einen Blick ins Tal werfen, obwohl aus einer Höhe von über tausend Metern Krieg vom Frieden genauso wenig zu unterscheiden ist, wie die Worte oder das Lachen seiner Freunde von dem Lachen seiner Feinde. Aber die Aussicht war beeindruckend: unbeschreiblich schön, flüsterte Meho zu Audrey, Sekunden bevor er niedergestreckt wurde. Die Kugeln trafen die Zehn auf dem rot-weißen Trikot. Sie wurde am 29. Mai 1991 von Dejan Savicevic getragen, als Roter Stern im Finale des Europapokals der Landesmeister Olympique Marseille im Elfmeterschießen besiegte. Meho hatte das Spiel zusammen mit seinem Vater gesehen. Der Empfang war schlecht, Mehos Vater musste die ganzen neunzig Minuten die Antenne in einer bestimmten Stellung über dem Kopf halten, damit das Bild nicht rauschte. Er traute sich nicht einmal, sie in der Halbzeit abzusetzen, also schmierte ihm Meho Wurstbrote und fütterte ihn. Am nächsten Tag kaufte sich Meho das Trikot mit der Zehn und seinem Vater einen neuen Fernseher.

Der serbische Torwart hatte Meho mit seinem ersten Schuss erst Tränen in die Augen getrieben, dann mit zwei weiteren Schüssen zwei Kugeln in den Rücken. Der erste Schuss galt Dino Zoff, verfehlte ihn aber um Zentimeter und traf den Tannenpfosten. Der Torwart hatte zu früh gefeuert, der Knall lenkte General Mikado beim Anlauf ab, sein Elfmeter krachte gegen die rechte Tanne und prallte dem reglos verharrendem Dino Zoff direkt in die Arme. Der sah ungläubig von einem konsternierten Schützen zum anderen, dann von einem Pfosten zum anderen, schließlich zum verlassenen Tor auf der anderen Seite des Feldes. Dann schlug er den Ball mit voller Wucht ab.

Eh, fick mich doch der Orkan, so ähnlich hätte Meho die schlingernde Flugbahn des Balles für dieses Tor beglückwünscht. Mag sogar sein, dass es dieselbe Windböe war, die ihm die Tränen trocknete und dann Dino Zoffs Schuss den notwendigen Auftrieb gab, damit der Ball im serbischen Tor landen konnte. General Mikado erstarrte im Jubel der Territorialen, zögerte, offenbar unsicher, was er tun sollte.

Unser Ball! Abstoß!, sagte er. Niemand hörte ihn, so laut war der Jubel über das Drei-vier. Abstoß, Tor zählt nicht!, rief der General lauter, Abstoß, schrie er, kein Tor! Er pfiff in die Finger, aber erst, als der serbische Torwart die zwei Schüsse auf Meho abgab, wurde es um ihn still. Der General deutete in Richtung der serbischen Hälfte. Kein Tor! Kein Tor!

In das weinrote Samttuch gewickelt, lag Gavros Klarinette gewiss immer noch dort, wo er sie abgelegt hatte, bevor er in den Krieg gezogen war: auf dem Schrank im Wohnzimmer des elterlichen Hauses, das auch im Winter und auch nach dem Tod seines Bruders nach Lavendel roch. Jetzt und hier, hinter Gottes Füßen, brauchte Gavro kein Instrument, um sich eine Zugabe ehrlich zu verdienen - er fiel in Mikados schrillen Pfiff ein, dehnte und hob ihn in F-Dur, band eine Kette leichtfüßiger, eingängig kindlicher Melodien daran, wandte sie unerwartet in einen Walzer, über dessen verspielte Sechsachteln er plötzlich einen wilden Csardas losließ - und während seine Komposition an Farbe und Fahrt gewann, setzte sich Dejan Gavrilovic, genannt Gavro, ein hervorragender Belgrader Klarinettist, ins Gras. Der Csardas rüttelte Mikimaus auf. Nicht sitzen bleiben, knurrte er seinen Mitspieler an, der den Ball hinter dem Tor geholt hatte. Mikimaus nahm ihm den Ball weg und marschierte über den Platz. Nicht sitzen bleiben, rief er etwas lauter. Neben Gavro ließen sich zwei weitere serbische Spieler auf die Wiese nieder und machten ebenfalls keine Anstalten, weiterspielen zu wollen.

Auf General Mikados Hals malte der Zorn rote Flecken, und als der General, in Wirklichkeit Leutnant und die längste Zeit seines Lebens Fliesenleger mit vier Töchtern, deren Vornamen alle mit "Ma" begannen, das dritte Mal am heutigen Tag nach Gavros Hinterkopf ausholte, packte die Klarinettistenhand das Fliesenlegerhandgelenk. Aus dem Csardas flammte Spanisches auf, das machst du nie wieder, sprachen Gavros Augen, und der Flamenco gab dazu den Refrain. Gavro pfiff, Mikimaus marschierte, und Marko schlug den eigenen Torwart nieder und nahm ihm die Pistole ab.

Eh, fick doch Mohammed Ali!, hätte Meho Markos schlichten linken Haken gelobt. So aber war General Mikado - was ist das jetzt, verfickt noch mal! - der Einzige, der fluchte, als sein Torwart zu Boden ging und sein Stürmer sich den Schmerz aus der Hand abschüttelte. Was ist das jetzt?, schrie der General und biss in Gavros Finger, die sein Handgelenk umklammerten, was wollt ihr ..., brüllte er mit dem Blut des Klarinettisten an den Zähnen und sah sich um. Abstoß!, befahl er Mikimaus, der den Ball zur Mitte des Feldes trug. Einer nach dem anderen setzten sich seine Spieler hin. Ein Putsch, das also ..., lachte der General, Deserteure!, schlug er um sich, Überläufer, Kriegsgericht werd ich euch! Auch die Aus-Linien gingen ins Gras, einige Soldaten machten aber ihre Waffen schussbereit, unsicher, ob sie damit auch auf die eigenen Leute zielen sollten.

Die meisten serbischen Soldaten sahen zu Boden, nicht so, als hätten sie Angst vor ihrem Vorgesetzten, sondern, als wäre ihnen der cholerische Mann mit dem behaarten Rücken peinlich. Als schämten sie sich für etwas, als wüssten sie keine Antwort auf eine sehr einfache Frage, die ihnen gerade gestellt worden war. General Mikado schrie sich in Rage, sein ganzer Hals wurde ein einziger roter Fleck, alles abknallen!, schrie er, gebt mir mein verficktes Gewehr! Er wich zurück, drehte sich im Kreis. Niemand hielt ihn auf, niemand antwortete auf die sehr einfache Frage. Auch die Territorialen standen in der Gegend, als wären sie bloß Requisite auf dieser Bühne, auf der ein kleiner, kräftiger Mann mit nacktem Oberkörper tobte.

Niemand fand eine Antwort auf die sehr einfache Frage - außer Mikimaus. In der Schule waren die meisten Fragen zu schwierig für ihn gewesen, zu Hause hatte ihm sein Vater mit dem ledernen Gürtel Ausrufezeichen in den Rücken gepeitscht, und hier, hinter Gottes Füßen, gab es keine Fragen, nur Befehle. Milan Jevric, genannt Mikimaus, legte den Ball auf den ungefähren Anstoßpunkt, stützte den Fuß darauf und donnerte in einer Lautstärke über die Soldatenköpfe, über General Mikado, der an eine Waffe gekommen war, aber zögerte, sie zu gebrauchen, über den Platz, über die Schützengraben, über Mehos toten Körper, über die Buchen, über den Wind, über das Tal, so laut also und so deutlich, als wollte er in diesem einen Schrei alle Antworten geben auf alle von ihm bisher unbeantworteten Fragen: Vier-drei für die!, antwortete Milan Jevric, genannt Mikimaus, auf die einfache Frage. Die führen eins, stellte er fest, aber vielleicht reißen wir noch was in der Nachspielzeit, vielleicht, schob Mikimaus die Unterlippe vor, geht hier noch was.

Seine Worte richteten die serbische Abwehr auf, das serbische Mittelfeld erhob sich, und der serbische Sturm goss Pflaumenschnaps, nicht auf die schmerzende Mohammed-Ali-Faust, sondern in die eigene Kehle, in einer Menge, dass Dino Zoff sehnsüchtige Augen machte.

Mikimaus räumte hinten alleine ab, der Rest stürmte. Der neue Schiedsrichter Gavro zeigte acht Minuten Nachspielzeit an. Die Territorialen verteidigten mit zehn Mann und droschen jeden Ball in die serbische Hälfte. Nicht zu fest, die Minen. Die Bälle kamen prompt wieder, Mikimaus haute sie stur lang und hoch in die Spitze zurück. In der letzten Minute kamen die Territorialen zu einem Konter, Kiko scheiterte an Mikimaus, der jetzt überall zu finden war, auch im Tor. Mikimaus Antwort folgte umgehend, denn Mikimaus hatte zu antworten gelernt. Er schnappte sich den Ball und dribbelte durch die Reihen der Territorialen, als wäre er nicht mit Mistgabeln, sondern mit Maradona aufgewachsen. Die Adern an seinem Hals traten hervor, er presste die Lippen zusammen, rannte zwei bosniakische Verteidiger einfach um und drosch aus gut dreißig Metern die Kugel auf Dino Zoffs Tor. Alles an Kraft steckte der riesenhafte Mann in diesen einen Schuss, sein Aufschrei danach ließ dutzende Vögel aus dem Wald aufstieben. Und der Ball, dieser schmutzige, notdürftig geflickte Ball, strich über die Lichtung auf Dino Zoffs Tor.

Um 17.55 Uhr pfiff Gavro ab. Mikimaus' Schuss war die letzte Aktion. Die Spieler ließen sich erschöpft ins Gras fallen. Der Pfiff verhallte. Niemand klatschte. Niemand jubelte. Aus dem Tal schwappte schwere Stille auf das Plateau. Ruhig wurden die Waffen aufgehoben. Marko hielt die Schnapsflasche schräg über Dino Zoffs Mund, bis einige Tropfen die Lippen benetzten, sich dort mit dem Blut mischten. Aah, Sliwowitzum bonum deorum donum! Hab ich ihn gehabt?, lispelte Dino Zoff und schenkte Marko einen Zahn. Die Sonne warf lange Baumschatten auf die Lichtung hinter Gottes Füßen, hinter Gottes Füßen in Soldatenstiefeln, hinter Gottes Füßen, an denen Blasen trieben, hinter Gottes dribbelnden Füßen.

Textauszug aus
Saša Stanišić: Wie der Soldat das Grammofon repariert

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