Leseprobe
Was hinter Gottes Füßen gespielt wird, wofür sich
Kiko die Zigarette aufhebt, wo Hollywood liegt und wie Mikimaus zu
antworten lernt
Um 14.22 Uhr funkten sie den Waffenstillstand in den
Schützengraben der Territorialen Verteidigung. Den dritten in diesem
Monat. Um 14.28 Uhr schoss vom nördlichen Waldrand, aus dem serbischen
Graben, der Ball im hohen Bogen auf die Lichtung, die auf etwa
zweihundert Metern die Stellungen trennte, setzte zwei Mal auf und
rollte zu den beiden zusammengeschossenen Tannen, die schon in den
letzten Kriegsauszeiten als Pfosten gedient hatten.
Der Befehlshabende der Territorialen, Dino Safirovi?, genannt Dino
Zoff, hechtete aus dem Stand auf den Grabenrand, formte mit den Händen
einen Trichter um seinen Mund und streckte den Oberkörper nach hinten,
als er auf die andere Seite rief, was ist, Tschetniks, wollt ihr wieder
auf die Fresse? Er langte sich in den Schritt und schob die Hüfte vor
und zurück, vor und zurück, lief dann einige Meter in Richtung Ball, zu
der Stelle, wo Cora ausgestreckt lag mit einem Riesenloch im Kopf.
Wir haben eure Mütter schon zwei Mal arschgefickt, Mudschaheddiner
Fotzen, tönte eine heisere Stimme aus dem serbischen Graben, während
sich Kiko, Kiko - die Neun, Kiko - das Kopfballungeheuer, Kiko - die
Eisenstirn von der weichen Drina - zu Dino Zoff gesellte, Cora an den
Knöcheln fasste und hinter sich zum Graben schleifte. Er deckte ihn mit
seinem Mantel zu und strich die blutigen Strähnen aus seiner Stirn,
schau mal wie du aussiehst, mein Cora, flüsterte er, Gras und Erde
überall.
Neben ihm schnalzte Meho mit der Zunge, kramte aus dem Ranzen das
rot-weiße Trikot von Roter Stern und streifte es über seine Weste.
Umständlich leerte er die Taschen: ein Schweizer-Messer, ein Feuerzeug,
zwei Handgranaten, eine angebrochene Konserve Wurstaufstrich. Das Foto
von Audrey Hepburn küsste er mehrmals verzückt und steckte es wieder
ein. Auf Dino Zoffs fragenden Blick grinste er, sagte: jedem seinen
Talisman, hast du gewusst, dass Maradona seine Unterhose ..., da
bemerkte er Kiko und den toten Cora und hielt inne. Er hätte nicht
rausgehen dürfen, egal wie dunkel..., setzte Meho an, entschuldigend
und anklagend zugleich, begegnete aber Kikos Blick, seufzte und schob
ihm eine Schachtel Drina unter die Nase. Jeder im Trupp wusste, dass
Meho noch Kippen besaß, es wurde gemunkelt, die Schachtel sei sogar
halb voll. Kiko nahm sich die vorletzte. Er lenkte sie waagrecht an die
Oberlippe und sog ihren Duft auf.
Mirabellen, murmelte er und schloss die Augen, Hanifas Hals, wenn sie
mich nach dem Training abgeholt hat, Kaffee, der richtige, türkische.
Siehst du, mein Cora, du gehst drauf und ich krieg ne Kippe. Mit den
Fingerspitzen streifte Kiko über Coras Augenlider und steckte sich die
Zigarette hinters Ohr. Für nach dem Spiel, sprach er mit gesenktem
Kopf.
Fünf-zwei und Zwei-eins hatten die Serben die letzten beiden
Waffenruhen für sich entschieden. Ein gewisser Milan Jevric, genannt
Mikimaus, machte im ersten Spiel drei der fünf Tore. Mikimaus war ein
zwanzigjähriger Bauernbursche, der auf Zweimetersechs hundert Kilo wog,
allein geschätzte dreißig in diesem Felsmassiv von einem Kopf, das er
mitsamt Nasenvorsprung und zwei-drei dünnen Haarbüscheln auf seinem
Ochsennacken trug. Eigentlich ein Innenverteidiger, überraschte er mit
seiner Schusskraft sich selbst am meisten, als er zu Beginn der zweiten
Halbzeit vorstürmte, aus dreißig Metern draufhielt und Dino Zoff
geradewegs ins Gesicht traf. Erst als Marko, einer der beiden
serbischen Stürmer, Dino einen Schnaps unter die Nase hielt, kam der
wieder zu sich, sprach aber in den nächsten zwei Stunden nur noch
fehlerloses Latein und gab einige Weisheiten von Cicero von sich. Seit
diesem Volltreffer spielte Mikimaus im offensiven Mittelfeld und
hämmerte aus jeder erdenklichen Lage auf das Leder ein. Wenn er einen
seiner Schüsse mit dem rechten Vollspann abfeuerte und der Ball
kugelscharf aufs Tor strich, warf sich Dino Zoff jedes Mal nicht
furchtlos, aber tapfer in die Flugschneise, blieb danach regelmäßig mit
schmerzverzerrtem Gesicht oder benommen liegen. Wahrscheinlich, weil
die Brecher von Mikimaus anders nicht zu halten waren, vielleicht aber
auch in der Hoffnung auf die Wiederkehr von Markos Schnaps. Mikimaus'
Schüsse waren keine Kunstschüsse, sie kamen ohne Effet oder Außenrist
aus und überraschten nach dem ersten Mal niemanden mehr. In ihrer
Schnörkellosigkeit entsprachen sie Mikimaus' selten geäußerten,
geradlinigen Gedanken, sie waren einfache Anstrengungen, für die der
große Mann gelobt und gefürchtet wurde und die er daher wie ein Kind
mit Begeisterung wiederholte.
Einen einzigen Makel hatte Mikimaus rechtsfüßige Gewalt und den nutzten
die Territorialen gnadenlos aus. Nach jedem Schuss entlud der Riese
seine ganze Kraft und Freude in einem Schrei, der musikalisch zwischen
dem Brunstruf eines Stieres und dem Bremsgeräusch eines
Fünfundzwanzigtonners mit Anhänger auf steil abschüssiger Straße lag -
Original Monika Selesc!, rief Kozica, der ziegenbärtige Linksaußen der
Territorialen, nach einem solchen Aufjauchzen durch Berg und Tal, und
prustete los.
Spielt Monika heute wieder mit?, oder: Monika, Monika, spiel an mir
Mundharmonika!, frotzelten seitdem Dino Zoffs Männer und stöhnten laut,
sobald Mikimaus am Ball war. Und dieses Gebirge von einem Mann, für den
es keine passende Uniform gegeben hatte, so dass er seine riesenhaften
Latzhosen von Zuhause anbehielt, wurde durch die Sticheleien
verunsichert. Im zweiten Spiel dämpfte er seine Schreie, prompt fielen
auch seine Weitschüsse zurückhaltender aus und bereiteten Dino Zoff
kein Kopfzerbrechen mehr. Wenn ein Gegenspieler in seiner Nähe
aufjodelte, zuckte Mikimaus zusammen, der Felsenkopf kippelte auf den
vergleichsweise schmächtigen Schultern und die schmale Stirn furchte
sich vor Gedanken. Gerne hätte Mikimaus sie geäußert, wenn man ihm nur
etwas mehr Zeit gegeben hätte, aber schon verlagerte sich das
Spielgeschehen auf die andere Seite und der Spötter fegte davon.
Auch heute johlte Kozica beim Warmmachen auf die serbische Seite: ach,
wie schade, dass Fräulein Graf nicht auf den Igman kommen konnte! Sie
ist in Wimbledon, lässt aber Monika liebe Grüße ausrichten, das mit dem
Nagellack geht klar. Uh, uh, uh, rief Kozica und seine Kameraden fielen
mit ein.
Zweimal vierzig Minuten, erste Halbzeit ein Schiedsrichter von den
Territorialen, zweite ein Serbe - wenn schon beschissen wurde, dann
gleichmäßig verteilt beschissen. Zwischen den Tannenpfosten am
südlichen Rand der Lichtung zog Mikimaus ein Seil als Latte fest. Das
andere Tor bestand aus Überresten des Zauns, der einen der beiden
Karrenwege gesäumt hatte, die sich auf der Lichtung kreuzten. Der
Maschendraht zwischen den Zaunlatten wurde gekappt, die Pfosten mit
Brettern auf zweieinhalb Meter verlängert. Wer die Wege kontrollierte,
kam am Berg schneller voran und musste sich nicht durch dichte und
ungenau kartografierte Wälder schlagen, mit mehr Minen als Pilzen in
der Erde. Darum ging es hier seit zwei Monaten - um zwei Karrenwege.
Einer davon ging weiter unten im Tal in eine asphaltierte Straße über,
die nach Sarajevo führte. In ordentlichen Zeiten zogen Fliegen ihre
Quadrate über getrockneten Rinderkot, mittlerweile kam kein neuer Kot
zum Trocknen hinzu. Die Rinder von den Bauern, die nicht höher ins
Gebirge getrieben wurden, hatte man längst erlegt, und die Menschen
vergruben ihre Scheiße. Die Fliegen kreisten jetzt über den Leichen,
die nicht immer sofort unter die Erde gebracht werden konnten.
Um 16 Uhr trafen die Mannschaften in der ungefähren Mitte des
Spielfeldes aufeinander, die restlichen Soldaten ließen sich als
lebende Aus-Linien in langen Reihen auf die Wiese nieder. Waffen trug
niemand sichtbar, einige Gewehre lehnten gegen Bäume. Die Spieler
passten sich den Ball zum Aufwärmen schweigsam zu, die Seitenwahl
gewannen die Serben.
Etwas abseits umarmten sich Kiko und Mikimaus. Sie kannten sich aus der
Schule, beide waren sie in der achten Klasse zweimal sitzen geblieben,
das war ungewöhnlich. Noch ungewöhnlicher war es, dass jemand auch noch
zweimal die erste Klasse wiederholen musste, die vierte und die
sechste. Einmal, mitten in einer Matheklausur, fragte der Junge mit dem
immer offenem Mund, wie man eigentlich lernte. Bei den Mitschülern galt
er als stiller, gutmütiger Koloss, der auf die Frage, wann Kolumbus
Amerika entdeckt hatte, aus dem Fenster sah und "Kartoffelkäfer"
antwortete. Der knapp siebzehnjährige Kiko dagegen zählte zu den besten
Fußballtalenten des Landes. Während er von den Vereinen der ersten Liga
umworben wurde, schuftete Mikimaus Tag und Nacht auf dem Bauernhof
seiner Eltern, und nichts deutete darauf hin, dass bessere Tage und
bessere Nächte kommen würden.
Und sie kamen doch - mit dem Krieg. Mikimaus fragte: wo ist der Krieg?,
seine Mutter antwortete: Gott sei Dank noch weit weg, er fragte: gut,
für wen sind wir?, sein Vater gab zurück: du bist Serbe. Am nächsten
Tag stand Mikimaus mit einem Rucksack in der Tür, der auf seinem weiten
Rücken wie ein Kosmetiktäschchen aussah. Er sagte zu seinem Vater, zu
den zehn Spiegeleiern vor seinem Vater, zur hellblau befliesten Küche,
zur gekerbten Tischplatte aus Kirschholz, zum staubigen Hof, zum
Mistgestank aus dem Stall, zum Pflug, der ihm den Rücken so endlos mit
Muskeln durchzogen hatte, zu den zahllosen Maissäcken, in die er Nacht
um Nacht mit voller Wucht trat, aus Wut über den Vater, über Vaters
zehn Spiegeleier jeden Morgen, über die Tischplatte, in die er seinen
Namen eingeritzt hatte, als er einmal zwei Wochen unter dem Tisch hatte
schlafen müssen, über den Hof, wo ihn sein Vater in den Staub warf und
mit Füßen nach ihm trat, über den Mist, in dem er sein ganzes Leben
watete, über den Pflug, weil er kein Ochse war: Auf Wiedersehen, ich
bin jetzt weit weg, ich bin im Krieg.
Mikimaus' Vater kaute zu Ende, trank seinen Blumenkohlsaft aus und
wischte sich mit dem Geschirrtuch über den Mund. Er schob den Stuhl
nach hinten, erstarrte aber in der festen Stimme seines Sohnes, der
sagte: stehst du auf, machst du einen Schritt, dreh ich dir den Hals um
wie einem Huhn, ich bin jetzt weit weg. Fünf Tage wanderte Mikimaus,
fragte sich durch, sagte so oft, er sei Serbe, bis man ihm ein Gewehr
gab. Kann ich schießen gehen?, wollte er wissen, und lernte, wie man
lud und entsicherte. Er wurde auf den Igman geschickt, wo die
serbischen Truppen die Belagerung von Sarajevo vorbereiteten. Mikimaus
klagte nie. Er fand sie besser als das Zuhause, die abgelegenen Orte,
über die seine Kameraden sagten, Gott habe sie längst verlassen und
vergessen, und so ein Gott dreht sich nicht noch mal um. Sie sagten:
hinter Gottes Füßen.
Der Spitzname machte Mikimaus nichts aus. Ich mag auch die Ente und den
Hund, sagte er, Pluto ist halt ein bisschen tollpatschig. In der Schule
hatte er noch nicht Mikimaus geheißen, und Kiko nannte ihn heute noch
Milan.
Milan, sagte Kiko und legte Mikimaus die Hand auf den Oberarm, ihr habt
heute Nacht Cora weggefickt.
Mikimaus hob die Augenbrauen, zog den Kopf ein und holte Luft für eine
Antwort. Sein Gesicht verlor jegliche Symmetrie, blass und mit den
Aknenarben sah es aus wie unbehauener Stein. Kiko wartete auf eine
Antwort, aber Mikimaus atmete bloß aus und schloss seinen pausenlos
geöffneten Mund. Presste die Lippen zusammen wie andere den Blick
senken.
Ein schriller Pfiff signalisierte das Ende des Aufwärmens.
Mikimaus nahm Kikos Hand von seinem Arm. Kiko, die haben gesagt:
Mikimaus, du spielst wieder hinten.
Dass er der Einzige gewesen war, der in dieser Nacht geschossen hatte,
sagte Mikimaus nicht. Aus dem Wald flog ein schwerer Vogel auf, und der
große Mann lief zurück in die Abwehr.
Gavro, der serbische Spielmacher, ein schwarzhaariger Lockenkopf mit
einem tätowierten Raben an der Schulter, pfiff dem Vogel spitz
hinterher. Gavro pfiff nur dann nicht und summte kein Liedchen, wenn er
sprach oder aß. Sogar im Schlaf schnarchte er unter seinem Schnurrbart
ein klangvolles "An der schönen, blauen Donau". Der Vogel überflog die
Lichtung und segelte im Süden talwärts hinter die Bäume. Gavro
schnappte sich den Ball und ging zum Schiri, der wie gebannt auf seine
Uhr starrte.
Fick die Sonne, Mann, wartest du auf ein Zeichen Allahs? Ist nicht so,
dass wir Zeit haben, Mann!
Der Angesprochene würdigte ihn keines Blickes, sah weiter auf den
Sekundenzeiger, also schnippte Gavro den Ball mit der Fußspitze hoch,
hielt ihn mit links und rechts abwechselnd in der Luft, balancierte ihn
auf der Stirn, ließ ihn auf dem Oberschenkel abtropfen und stoppte ihn
auf dem Spann. Dazu trillerte er die Melodie von "Somewhere over the
rainbow" in einer so lauten Weise schön, dass sich Köpfe nach ihm
drehten. Die Männer blinzelten in diesem Konzert aus Nachmittagssonne,
Ballgeschick und wohlklingenden Melodien, traten von einem Bein auf das
andere oder standen einfach herum und stützten die Hände auf die
Hüften. Ruhig wurde es auf Igman häufiger in den letzten Monaten, vor
allem nachts, wenn auf der Lichtung und im Tal die Waffen ruhten. Aber
so friedlich wie vor dem Anstoß und zu Gavros Angedenken an vielleicht
Glenn Miller, war es hinter Gottes Füßen seit langem nicht mehr gewesen.
General Mikado, der Befehlshabende der serbischen Einheit, schlug dem
Pfeifenden mit der flachen Hand gegen den Hinterkopf, nahm ihm den Ball
vom Fuß, pfiff selbst schrill in die Finger und spielte den ersten
Pass. Kannste sieben Sekunden früher abpfeifen, rief der Mann mit
gedrungenem Oberkörper und schrägen Augenschlitzen, denen er seinen
Spitznamen verdankte. Er stürmte am Schiri vorbei und wich auf den
rechten Flügel aus, wo er keine zwei Minuten später das Eins-null für
die Serben vorbereiten würde - eine Flanke auf den Kopf von ebenjenem
pfeifenden Gavro.
In den frühen Achtzigern hatte Dejan Gavrilovic Gavro eine Karriere als
Klarinettist aufgegeben, um Fußball-Profi zu werden. Es folgten fünf
Jahre Abstiegskampf in der zweiten Liga, dann ein Kreuzbandriss.
Während der Genesungszeit hatte er wieder mit der Klarinette begonnen
und gab Ende der Achtziger mit seinem Bruder Konzerte in Belgrader
Jazzkneipen. Sie nahmen eine Platte auf, die nicht unbeachtet blieb. Im
November einundneunzig wurde der Bruder eingezogen und fiel nur vier
Tage später in der kroatischen Provinz. Gavro legte ein zweites Mal die
Klarinette weg, dieses Mal, um Soldat zu werden. Er focht in ebenjener
Provinz, erlebte das Ende des Krieges in Kroatien und erkundigte sich,
ob er kurz mal duschen könne und wie es mit frischen Handtüchern
aussehe, als er gefragt wurde, ob er sich weiterrächen wolle, an
Sarajevo zum Beispiel.
Das Zwei-null machte Mikimaus mit einem seiner Gewaltschüsse. Er
eroberte sich den Ball an der Eckfahne - ein in die Erde gerammtes
Gewehr - und marschierte durch die Reihen des Feindes, begleitet von
spöttischen Zurufen, aber nicht konsequent genug angegriffen. Die
Beleidigungen schienen ihm dieses Mal nichts auszumachen, noch in der
eigenen Hälfte peilte er Dino Zoff an, der Mund sperrangelweit offen
wie eh und je. Ein Doppelpass, eine Körpertäuschung, Schuss, uuh!, und
Dino Zoff konnte den Ball nicht entscheidend ablenken. Nach dem Schuss
war Mikimaus schlagartig stehen geblieben und hatte die Kugel mit zum
Gruß erhobenem Arm verfolgt, als verabschiedete er einen guten Freund
auf eine lange Reise.
Die Territorialen hatten ihre einzige gute Torchance Ende der ersten
Halbzeit, als Kiko einen Alleingang durch die gegnerische Defensive mit
einem Tannenpfostenknaller abschloss. Im direkten Gegenzug spielte
Gavro, der Klarinettist, einen Pass auf Marko in die Sturmspitze, Meho
kam aber einen Tick schneller an den Ball und drosch ihn mit voller
Wucht aus dem Strafraum, aus dem Spielfeld, aus der Lichtung und in den
Wald.
Eh, fick doch die Waldfee, schüttelte Meho den Kopf und ging in die
Hocke, als müsse er sich übergeben. Der Schiri pfiff, zeigte erst auf
Meho, dann zum Wald - eine Geste, die es wohl bei keinem anderen
Fußballspiel auf der Welt gab, und die bedeutete: Meho hat die Scheiße
verbockt, also hat er das Ding auch zu holen. Einen Plan, wo genau die
Minen lagen, konnte man ihm allerdings nicht mitgeben, vermutlich
existierte so etwas gar nicht. Die Minen aber existierten ganz gewiss.
Noch bevor sich die Front um die Lichtung verhärtete, hatten die Serben
bei einem Versuch, von hinten an die Territorialen heranzukommen, zwei
Mann in dem Wald verloren und vom dritten ein Bein. So isses gut, holt
sie euch brav alle zurück und lasst ja keine liegen, schade um die
Ziegenböcke, hatte es damals von den Stellungen der Territorialen
gedröhnt.
Dino Zoff griff Meho unter die Arme. Mensch, Meho, flüsterte er, haben
wir es nicht tausend Mal besprochen: eine gute Abwehr haut den Ball
nicht weg! Hinten schön abgeklärt, kurze Pässe, das kann doch echt
nicht schwer sein.
Kann nicht schwer sein, flüsterte auch Meho zu sich, als er, begleitet
von zwei Sanitätern, am Waldrand ankam und sich umschaute. Alle Spieler
und beide Aus-Linien sahen in seine Richtung. Irgendjemand winkte, also
winkte Meho zurück. Der Ball lag etwa zwanzig Meter vom Waldrand
entfernt, friedlich unter rotem Farn auf Moos gebettet. Die Sonne
durchflutete das Waldstück mit gleißendem Licht, die Strahlen fielen
schräg durch die Blätter auf den leicht ansteigenden Waldboden, der dem
zitternden Mann im Trikot von Roter Stern Dutzende Minen verheimlichte.
Das Trikot! Panisch zog Meho den rot-weißen Dress seiner
Lieblingsmannschaft aus, küsste den Stern und faltete es auf dem Boden
sorgfältig zusammen.
Meho, warte mal! Marko war seinem Gegenspieler die kleine Anhöhe hinauf
gefolgt. Hier, für den Ball, zwinkerte der serbische Stürmer und
reichte Meho eine kugelsichere Weste, wickel ihn gut ein, bevor du
zurückläufst.
Meho starrte die schwarze Weste an.
Sag mal, Meho, wie kommt das denn eigentlich? Marko hob Mehos Trikot
auf und schüttelte den Kopf. Die sind doch Belgrader?
Mehos Kinn zitterte. Immer und ewig die Rot-Weißen!, schnarrte er und
wischte sich den Schweiß aus der Stirn. Er streifte Markos Weste über
und sagte mit bebender Stimme: geh du mal lieber zurück, und dann in
akzentfreiem Englisch, indem er einen Schritt in den Wald trat: this
could get fuckin' dangerous.
Mit Mehos Trikot in der Hand lief Marko zu den anderen zurück. Man saß
im Gras, unterhielt sich und sah zu den Bäumen, auch nachdem Meho in
ihrem Schatten verschwunden war. Gavro kratzte sich mit einem
Holzsplitter unter den Fußnägeln und pfiff eine verspielte Melodie vor
sich hin. Der satte Pfeifton schaukelte zwischen den nackten
Oberkörpern der serbischen Elf und tanzte vor den konzentrierten
Gesichtern der Territorialen. Ein Klezmer, und sie alle hörten
demselben Lied zu, einige tippten zum Takt ins Gras oder sich gegen den
Oberschenkel andere nicht, das war der einzige Unterschied. Den Bäumen
beim Waldsein zuzusehen, war ein zuhörendes Warten. Auf Meho, auf ein
neues Lied oder auf einen Knall.
Es knallte, als General Mikado wieder auf Gavros Hinterkopf schlug. Das
Lied verstummte, und der General fragte laut und betonte jede Silbe,
als würde er auf einer Bühne sprechen: was machen wir eigentlich, wenn
uns wegen des Schwachkopfs der Ball kaputtgeht?
Niemand antwortete. Der General kratzte sich im behaarten Nacken.
Die beiden Sanitäter am Waldrand aßen Brot und sahen in den Wald. Sie
wollten sich Mehos Spur so genau wie möglich einprägen, damit sie ihr
folgen und sofort eingreifen konnten, falls er in die Luft flog.
Meho flog nicht in die Luft, er kackte sich nur die Hose voll, das kann
man auswaschen. Die Seinen und auch einige Serben jubelten ihm zu, als
er mit dem Ball unter dem Arm und dem Kopf auf den Schultern auf die
Lichtung stolzierte, als hätte er gerade in der Nachspielzeit des
Finalspiels gegen mindestens Brasilien das Eins-null geschossen und
würde sich auf den Weg zu den Stehplätzen machen, um sich feiern zu
lassen. Aus der Nähe sah sein Stolz mehr nach Zorn aus, aus der Nähe
zitterte der Arm mit dem Ball, aus der Nähe hatte Meho ein graues
Gesicht, eine dicke, blaue Ader mitten auf der Stirn und roch ganz
schön streng. Aus der Nähe sagte er: hier der Ball, alles klar, geht
gleich weiter, ich müsste mich mal umziehen, aber ich hab nichts mehr.
Und zu Marko: komm her, Trikottausch Schusssicher gegen Roter Stern,
und weißt du, es ist mir egal, woher meine Mannschaft kommt, die Jungs
spielen doch nur Fußball. Als ich so groß war - Meho zeigte in Höhe
seiner Hüfte -, waren sie meine Helden. Das Finale gegen Marseille
einundneunzig! Dieser Sieg! Dieses Elfmeterschießen! Es ist mir auch
egal, ob du Serbe bist. Solang du nicht auf mich schießt oder mit
meiner Frau schläfst, ist mir alles egal.
Meho streifte sich sein Trikot über und stakste zurück zum Graben, der
bis auf den dicken, in der Sonne dösenden Funker Sejo und drei
Verwundete, die Domino spielten, gänzlich leer war. Mein Gott, wie viel
Mist hier herumliegt! Es müsste mal ordentlich aufgeräumt werden, wie
leben wir hier überhaupt? Er zog die Augenbrauen zusammen und sah sich
im zugemüllten Graben um, als würde er ihn zum ersten Mal betreten.
Direkt vor ihm lag eine leere Konserve Wurstaufschnitt, sie war so
sauber geleckt, dass sich keine einzige Fliege für sie interessierte.
Er lupfte sie aus dem Graben. Mit Wasser aus einem weißen
Plastikkanister wusch er sich ausführlich, spülte seinen Arsch aus und
schrubbte mit dem sauberen Hosenbein die Innenseite seines
Oberschenkels ab.
Und wie ich da so ein bisschen o-beinig in diesem Abfalleimer von einem
Schützengraben stand, mein Cora, hinter Gottes verpilzten Füßen, mein
armer Cora, und wie ich da so Wasser über meine Finger goss, dachte ich
mir die ganze Zeit: ja nicht zu viel Wasser verschwenden, Meho, nimm
Gras und Blätter, wenns sein muss, und wie ich dann auch noch so
bräunliche Tropfen zwischen den Härchen abwischen musste, ehrlich, da
musste ich plötzlich so heftig flennen, ich musste so heftig flennen,
mein guter Cora, ich hab geglaubt, die Tränen fließen mir nicht nach
unten über die Wangen, sondern schießen glatt nach vorne durch die
Augen ab, ehrlich. Ich sag dir, mein Cora, ein Scheißtag, und ich
hoffe, du verstehst, wenn ich mir jetzt deine Hose leihe, keine Angst,
ist nicht kalt bei uns hier draußen, die Sonne scheint, sie hat mir im
Wald genau gezeigt, wo ich auftreten darf, ehrlich, mit den Strahlen
aufm Boden! Nackt kann ich die Tschetniks jedenfalls nicht schlagen,
wir liegen Zwei-null hinten, ich sag ja, ein Scheißtag, Cora, aber wem
sag ich das? Meho strich dem Toten übers Haar und knöpfte ihm die
Tarnhose auf, nur für das Spiel, Cora, sagte er, du kriegst sie danach
zurück, Pionierehrenwort!
Die etwa fünfzig Meter bis zum Spielfeld überquerte Meho im
Laufschritt. Die letzten zehn brauchte er, um zu begreifen, dass sein
Scheißtag noch lang nicht zu Ende war. Seine Einheit war in Höhe des
Tannentors aufgereiht, manche hielten die Hände am Hinterkopf. Im
Halbkreis vor ihnen standen an die zehn Serben mit Maschinengewehren im
Anschlag, andere rannten kreuz und quer über die Lichtung und sammelten
die restlichen Waffen zusammen. Von niemandem beachtet, lag der Ball
abseits, sah dort, in höherem Gras, eher aus wie ein Stein. Meho
blinzelte, bewegte lautlos die Lippen. General Mikado deutete eine
Umarmung an. Aah, rief er, das war doch mal ein Parfüm, das zu einem
Moslem passt!
Während Meho nach Waffen durchsucht, dann - das Gewehr im Rücken - zu
den anderen getrieben wurde, war in der Ferne die Artillerie zu hören.
Einzelne Gewehrsalven, durch Weite und durch Sonne weich gefiltert,
matt und ein bisschen müde. Der dicke Sejo, der Funker der
Territorialen, wälzte sich mit einem panischen Gesichtsausdruck auf den
Grabenrand, doch bevor er verkünden konnte, was inzwischen jeder aus
den Kampfgeräuschen gehört und verstanden hatte, dass die Waffenruhe
nämlich vorbei war, feuerte der serbische Torwart mehrere Schüsse auf
ihn ab. Sejo knickte ein, erst auf ein Knie, dann seitlich weg, und
blieb absonderlich verrenkt liegen, das Knie weiterhin gegen den Boden.
Du verficktes Schwein!, schrie Dino Zoff in die ersten Schüsse, löste
sich aus dem Haufen der Gefangenen und hob beschwörend die Hände mit
den Torwarthandschuhen, wir ergeben uns doch, wir wehren uns nicht, wir
wehren uns & Weiter kam er nicht, General Mikado holte ihn ein
und drückte ihm die Pistole erst an den Hinterkopf, dann, indem er ihn
zu Boden stieß, seitlich an den Hals.
Ich sehe das anders, Affe! Spucke benetzte Dino Zoffs Wange und Mund.
Ich sehe, dass ihr euch ganz erbittert wehrt, ich sehe, dass ihr bis
zum letzten Mann kämpft! Leider, leider sehe ich aber keinen
Mudschaheddin, der überleben wird, um von der glorreichen letzten
Schlacht zu erzählen. General Mikado schob Dino von sich und zielte
jetzt mit der Pistole auf seine Brust. Seine Soldaten hatten sich ein
dreißigköpfiges Erschießungskommando vor die Gefangenen in Position
gebracht.
In Ordnung! Dino riss den Arm über den Kopf, in Ordnung, dann kämpfen
wir eben, lass uns weiterspielen!
Was? General Mikado verzog angewidert das Gesicht.
Du willst Unbewaffnete abknallen? Gut, ich trau dir Schlimmeres zu,
weiß gar nicht, wie ich meine Jungs zurückgehalten hätte, wenn wir
schneller an den Waffen gewesen wären. Aber das Spiel ist noch nicht zu
Ende! In Dinos Mund sammelte sich Spucke. Eine Halbzeit haben wir noch!
Bist du Fußballer genug, kicken wir weiter. Und falls wir das Spiel
noch drehen und du dann auch noch Mann genug bist, wird hier niemand
hingerichtet, niemand! Gewinnt ihr ..., er blickte sich nach seinen
Leuten um und richtete sich auf, dann bleibst du halt dein Leben lang
ein verfickter, jämmerlicher Mörder!
Und Dino Safirovic, den man aus der Schule geschmissen hat, weil Latein
und die klassischen Lehren zwar für die Erziehung junger Menschen ganz
wesentlich sind, Saufen dagegen nicht zog die Handschuhe fester über
die Finger. Und Dino Safirovic, der Cicero-Liebhaber, der sich
freiwillig gemeldet hatte, weil er dachte, dass es an der Front weniger
Alkohol gab, und er unbedingt mit dem Trinken aufhören wollte,
klatschte in die Hände, dass Staub sprühte. Und Dino Safirovic, genannt
Dino Zoff, die Katze vom Trebevic, sah General Mikado in die Augen und
fauchte: komm schon, Mann, komm schon!
Das Zwei-eins köpfte Kiko in der vierten Minute der zweiten Halbzeit,
im selben Augenblick, als es im Tal eine größere Explosion gab. Das
zweite Zwei-eins köpfte er fünf Minuten später, und auch dieses wurde
wegen angeblichen Abseits aberkannt. Diese meine Stirn, klopfte sich
Kiko gegen den Hinterkopf, war nicht im Abseits.
Doch es half nichts. General Mikado hatte Dino Zoffs Herausforderung
belustigt angenommen, unter der Bedingung, dass er selbst nicht nur
mitmachte, sondern das Spiel als Schiedsrichter leitete. Gelbe Karten
habe ich keine da, sagte der General, fürs Meckern gibts ne Kugel.
Dem Drei-null für seine Mannschaft war ein klares Torwartfoul
vorausgegangen. Dino Zoff wurde bei einer Flanke unterlaufen und
stürzte zu Boden, überhaupt gingen die Serben so entschlossen und mit
so einer Härte vor, als würde ihr Leben und nicht das ihrer Gegner von
dem Spielergebnis abhängen.
Beim Drei-eins zog Kozica ansatzlos aus der zweiten Reihe ab, und der
Ball rauschte ins Tor. Eine Minute später wurde Kozica mit einer
Platzwunde an der Stirn vom Platz getragen, nachdem ein
Aus-Linien-Soldat ihn erst von den Beinen geholt, dann mit dem
Gewehrkolben niedergeschlagen hatte. Über die Außen griffen die
Territorialen danach nicht mehr an.
In der sechzigsten Minute prallten Mikimaus und Kiko zusammen. Sie
stürzten zu Boden, das Spiel lief weiter. Die Sonne berührte im Westen
die Baumkronen, die Mücken schwirrten umher durch die ansetzende
Dämmerung. Seit sich Mikimaus Zweimetersechs nach Kikos beiden nicht
gegebenen Treffern um den besten Mann der Territorialen kümmerten, kam
Kiko zu keinem Kopfball mehr. Nach dem Zusammenprall hielten sich beide
die Brust, blieben sitzen. Kiko verzog das Gesicht, gut, dass man
Rippen hat, sagte er, und Mikimaus nickte: ganz gut, diese Rippen.
Seine Pupillen wanderten unruhig über Kikos Gesicht, er holte Luft und
stieß sie wieder aus. Schon wollte der große Mann aufstehen, stützte
sich mit der Faust ab. Die aber ergriff Kiko, flüsterte: ja, steh auf,
mein Milan, nicht wieder sitzen bleiben, bloß nicht mehr sitzen bleiben.
Nicht?, wunderte sich Mikimaus, sperrte den Mund weit auf und blieb
beim nächsten Kopfball von Kiko zwar nicht sitzen, aber wie angewurzelt
stehen, er sprang nicht hoch, Aufsetzer, Drei-zwei.
Nach dem Anschlusstreffer wusste General Mikado alle Bemühungen der
Territorialen zu verhindern, sich dem Tor seiner Mannschaft auch nur zu
nähern. Jeder Zweikampf wurde als Foul gewertet, jeder Pass in die
Spitze abgepfiffen, jeder Einwurf ging an seine Mannschaft, sogar
offensichtliche Befreiungsschläge, die im Aus landeten.
Zwei Minuten vor Spielende tankte sich Kiko auf halblinks durch; er
mied jeglichen Körperkontakt, um General Mikado keinen Anlass zu geben,
Foul zu pfeifen, wich aus, bog sich, sprang. Mit letzter Kraft flankte
er vor das serbische Tor - ein ungefährlicher Ball auf den kurzen
Pfosten, der rechte Verteidiger der Serben schlug jedoch ein Luftloch,
Mikimaus verfehlte den Aufsetzer, der Rest - Freund und Feind -
rutschte am Ball vorbei oder war zu überrascht, um überhaupt zu
reagieren, und die Kugel kullerte zu Meho. Der war in der zweiten
Halbzeit nur gedankenverloren über die Wiese geirrt und hatte wie
hypnotisiert vor sich hingemurmelt: kann doch nicht so schwer sein,
meine Audrey, nicht so schwer; man hatte ihn vom Feld geschoben, weil
er auch den eigenen Leuten im Weg standen, aber nachdem drei Spieler
verletzungsbedingt runtermussten - gefoult oder von den Aus-Linien
brutal zusammengetreten -, wurde er wieder auf den Platz geholt.
Da lag also der Ball vor seinen Füßen, aber Meho sah gar nicht hin,
entrückt starrte er gen Osten. Aus dem Tal war heftiges Artilleriefeuer
zu hören, blechern, hohl. Verlangsamt wie eine Wiederholung im
Fernsehen und als ginge ihn keine seiner eigenen Bewegungen irgendetwas
an, verlagerte er das Gewicht nach links und knipste den Ball locker
mit rechts hinter dem Standbein ins Tor. Für dich, sagte er mit
brüchiger Stimme und langte unter sein Trikot, ein Tor für dich! Mit
glänzenden Augen führte er Audrey Hepburns Foto an die Lippen,
flüsterte: jetzt ist echt Hollywood, meine Audrey, eh fick mich für ein
Happy End!
1986 war Meho in den USA - seine einzige Reise in den Westen. Fünf
Jahre hatte er von seinem Maurergehalt gespart, bei seinem Vater
gewohnt und niemals unnötig Geld ausgegeben. Abend um Abend sah er sich
amerikanische Filme an, am liebsten Thriller, Horror und Audrey. Er
lernte auf Englisch zu fluchen und konnte akzentfrei Kaffee bestellen.
Nach seinem Tor schlich Meho über den Platz, den Kopf in den Nacken
gelegt. Das Spiel lief weiter, einmal traf ihn der Ball im Rücken, aber
der Himmel, nicht der Ball, interessierte Meho. Jemand rief seinen
Namen, we are the champions, antwortete Meho. Am Strafraum seiner
Mannschaft angekommen, blieb er stehen und prüfte mit gestrecktem Arm,
ob es regnete. Er rümpfte die Nase und kreuzte die Arme vor der Brust,
als käme wirklich ein Regen und der wäre kalt. Jemand fiel vor seine
Füße, Aufregung, Tumulte, ein Pfiff, eine Gewehrsalve.
Warum sind meine Fingernägel nur noch dreckig? Ich würde so gern
telefonieren, einmal wieder irgendjemanden anrufen. Recht laut
unterhielt sich Meho mit dem Himmel, stand dabei im Wege, wurde
geschubst, taumelte.
Eine Spielertraube hatte sich um General Mikado gebildet. Erst als
jemand in die Luft feuerte, nahmen die Männer Abstand. Elfmeter!, rief
der General und schnappte sich den Ball. Dino Zoff schüttelte den Kopf,
nie und nimmer war das Foul!, winkte er ab und fixierte den Ball, der
jetzt auf dem abgeschrittenen Elfmeterpunkt lag. General Mikado trat
an, nachdem er zuvor selbst auch den Gefoulten gemimt und für sich den
Elfmeter gepfiffen hatte.
Halt dein blödes Maul! Der serbische Torwart fuhr Dino Zoff von der
Seite an. Er war nach dem vermeintlichen Foul vom eigenen Strafraum
über den ganzen Platz gerannt, hatte sich von einem der Soldaten am
Feldrand eine Pistole geben lassen und zielte jetzt damit von der
linken Tanne auf Dino. Kann sein, du hältst den Elfer, kniff er das
Auge zusammen, aber hältst du auch eine Kugel?
General Mikado grinste, hob den Daumen in Richtung seines Torwarts und
lief an.
Meho hatte dem Elfmeterschützen längst den Rücken gekehrt und entfernte
sich vom Strafraum, sah nicht zurück. Vielleicht wird unten, erzählte
er seiner Audrey, bloß feierlich geschossen, weil der Scheißkrieg
vorbei ist. Mit dem kurzen Haar sah Audrey wie ein Junge aus. Sie trug
Schwarz und lehnte sich an eine weiße Wand. Meho blickte von dem Foto
auf und sah zerstreut zur Stelle, an der einige Buchen den Rand des
Plateaus säumten und der Karrenweg eine enge Linkskurve um einen Felsen
beschrieb, bevor der steile Abstieg ins Tal begann. Vom Osten kam Wind
auf, nahm zu. Meho, schon in der Nähe der Bäume angekommen, konnte
sehen, wie der Wind die Blätter erzittern ließ. Auch Meho zitterte,
stärker noch, als im Wald, von Minen umgeben. Die Windböe kühlte Mehos
Gesicht unter Tränen ab, die kamen, nachdem in seinem Rücken der Schuss
aus der Pistole des serbischen Torwarts fiel und ein heller Schlag wie
eine sehr laute Ohrfeige folgte. Es waren dieses Mal keine reißenden
Fluten, aber es waren männlich viele. Eh, fick doch die Wasserhähne,
murmelte Meho und rieb sich die Augen, ohne anzuhalten.
Hinter ihm raunte die Menge, ein jubelnder Aufschrei folgte, dann
Geräusche und Rufe, die der müde Meho wahrscheinlich gar nicht mitbekam
und kaum hätte einordnen können, so wie er auch den serbischen von dem
bosniakischen Jubel nicht hätte unterscheiden können, man freute sich
hierzulande eigentlich gleich. Und auch wenn er das Tor gesehen hätte,
das bejubelt wurde, es wäre für ihn unmöglich gewesen, aus dieser
Entfernung mit Gewissheit zu sagen, ob der Ball sechzig oder siebzig
oder sogar achtzig Meter weit geflogen war, bevor er sich ins serbische
Tor senkte. Gleich würde Meho nämlich die Buchen am Ende der Lichtung
erreicht haben. Er würde einen Blick ins Tal werfen, obwohl aus einer
Höhe von über tausend Metern Krieg vom Frieden genauso wenig zu
unterscheiden ist, wie die Worte oder das Lachen seiner Freunde von dem
Lachen seiner Feinde. Aber die Aussicht war beeindruckend:
unbeschreiblich schön, flüsterte Meho zu Audrey, Sekunden bevor er
niedergestreckt wurde. Die Kugeln trafen die Zehn auf dem rot-weißen
Trikot. Sie wurde am 29. Mai 1991 von Dejan Savicevic getragen, als
Roter Stern im Finale des Europapokals der Landesmeister Olympique
Marseille im Elfmeterschießen besiegte. Meho hatte das Spiel zusammen
mit seinem Vater gesehen. Der Empfang war schlecht, Mehos Vater musste
die ganzen neunzig Minuten die Antenne in einer bestimmten Stellung
über dem Kopf halten, damit das Bild nicht rauschte. Er traute sich
nicht einmal, sie in der Halbzeit abzusetzen, also schmierte ihm Meho
Wurstbrote und fütterte ihn. Am nächsten Tag kaufte sich Meho das
Trikot mit der Zehn und seinem Vater einen neuen Fernseher.
Der serbische Torwart hatte Meho mit seinem ersten Schuss erst Tränen
in die Augen getrieben, dann mit zwei weiteren Schüssen zwei Kugeln in
den Rücken. Der erste Schuss galt Dino Zoff, verfehlte ihn aber um
Zentimeter und traf den Tannenpfosten. Der Torwart hatte zu früh
gefeuert, der Knall lenkte General Mikado beim Anlauf ab, sein Elfmeter
krachte gegen die rechte Tanne und prallte dem reglos verharrendem Dino
Zoff direkt in die Arme. Der sah ungläubig von einem konsternierten
Schützen zum anderen, dann von einem Pfosten zum anderen, schließlich
zum verlassenen Tor auf der anderen Seite des Feldes. Dann schlug er
den Ball mit voller Wucht ab.
Eh, fick mich doch der Orkan, so ähnlich hätte Meho die schlingernde
Flugbahn des Balles für dieses Tor beglückwünscht. Mag sogar sein, dass
es dieselbe Windböe war, die ihm die Tränen trocknete und dann Dino
Zoffs Schuss den notwendigen Auftrieb gab, damit der Ball im serbischen
Tor landen konnte. General Mikado erstarrte im Jubel der Territorialen,
zögerte, offenbar unsicher, was er tun sollte.
Unser Ball! Abstoß!, sagte er. Niemand hörte ihn, so laut war der Jubel
über das Drei-vier. Abstoß, Tor zählt nicht!, rief der General lauter,
Abstoß, schrie er, kein Tor! Er pfiff in die Finger, aber erst, als der
serbische Torwart die zwei Schüsse auf Meho abgab, wurde es um ihn
still. Der General deutete in Richtung der serbischen Hälfte. Kein Tor!
Kein Tor!
In das weinrote Samttuch gewickelt, lag Gavros Klarinette gewiss immer
noch dort, wo er sie abgelegt hatte, bevor er in den Krieg gezogen war:
auf dem Schrank im Wohnzimmer des elterlichen Hauses, das auch im
Winter und auch nach dem Tod seines Bruders nach Lavendel roch. Jetzt
und hier, hinter Gottes Füßen, brauchte Gavro kein Instrument, um sich
eine Zugabe ehrlich zu verdienen - er fiel in Mikados schrillen Pfiff
ein, dehnte und hob ihn in F-Dur, band eine Kette leichtfüßiger,
eingängig kindlicher Melodien daran, wandte sie unerwartet in einen
Walzer, über dessen verspielte Sechsachteln er plötzlich einen wilden
Csardas losließ - und während seine Komposition an Farbe und Fahrt
gewann, setzte sich Dejan Gavrilovic, genannt Gavro, ein hervorragender
Belgrader Klarinettist, ins Gras. Der Csardas rüttelte Mikimaus auf.
Nicht sitzen bleiben, knurrte er seinen Mitspieler an, der den Ball
hinter dem Tor geholt hatte. Mikimaus nahm ihm den Ball weg und
marschierte über den Platz. Nicht sitzen bleiben, rief er etwas lauter.
Neben Gavro ließen sich zwei weitere serbische Spieler auf die Wiese
nieder und machten ebenfalls keine Anstalten, weiterspielen zu wollen.
Auf General Mikados Hals malte der Zorn rote Flecken, und als der
General, in Wirklichkeit Leutnant und die längste Zeit seines Lebens
Fliesenleger mit vier Töchtern, deren Vornamen alle mit "Ma" begannen,
das dritte Mal am heutigen Tag nach Gavros Hinterkopf ausholte, packte
die Klarinettistenhand das Fliesenlegerhandgelenk. Aus dem Csardas
flammte Spanisches auf, das machst du nie wieder, sprachen Gavros
Augen, und der Flamenco gab dazu den Refrain. Gavro pfiff, Mikimaus
marschierte, und Marko schlug den eigenen Torwart nieder und nahm ihm
die Pistole ab.
Eh, fick doch Mohammed Ali!, hätte Meho Markos schlichten linken Haken
gelobt. So aber war General Mikado - was ist das jetzt, verfickt noch
mal! - der Einzige, der fluchte, als sein Torwart zu Boden ging und
sein Stürmer sich den Schmerz aus der Hand abschüttelte. Was ist das
jetzt?, schrie der General und biss in Gavros Finger, die sein
Handgelenk umklammerten, was wollt ihr ..., brüllte er mit dem Blut des
Klarinettisten an den Zähnen und sah sich um. Abstoß!, befahl er
Mikimaus, der den Ball zur Mitte des Feldes trug. Einer nach dem
anderen setzten sich seine Spieler hin. Ein Putsch, das also ...,
lachte der General, Deserteure!, schlug er um sich, Überläufer,
Kriegsgericht werd ich euch! Auch die Aus-Linien gingen ins Gras,
einige Soldaten machten aber ihre Waffen schussbereit, unsicher, ob sie
damit auch auf die eigenen Leute zielen sollten.
Die meisten serbischen Soldaten sahen zu Boden, nicht so, als hätten
sie Angst vor ihrem Vorgesetzten, sondern, als wäre ihnen der
cholerische Mann mit dem behaarten Rücken peinlich. Als schämten sie
sich für etwas, als wüssten sie keine Antwort auf eine sehr einfache
Frage, die ihnen gerade gestellt worden war. General Mikado schrie sich
in Rage, sein ganzer Hals wurde ein einziger roter Fleck, alles
abknallen!, schrie er, gebt mir mein verficktes Gewehr! Er wich zurück,
drehte sich im Kreis. Niemand hielt ihn auf, niemand antwortete auf die
sehr einfache Frage. Auch die Territorialen standen in der Gegend, als
wären sie bloß Requisite auf dieser Bühne, auf der ein kleiner,
kräftiger Mann mit nacktem Oberkörper tobte.
Niemand fand eine Antwort auf die sehr einfache Frage - außer Mikimaus.
In der Schule waren die meisten Fragen zu schwierig für ihn gewesen, zu
Hause hatte ihm sein Vater mit dem ledernen Gürtel Ausrufezeichen in
den Rücken gepeitscht, und hier, hinter Gottes Füßen, gab es keine
Fragen, nur Befehle. Milan Jevric, genannt Mikimaus, legte den Ball auf
den ungefähren Anstoßpunkt, stützte den Fuß darauf und donnerte in
einer Lautstärke über die Soldatenköpfe, über General Mikado, der an
eine Waffe gekommen war, aber zögerte, sie zu gebrauchen, über den
Platz, über die Schützengraben, über Mehos toten Körper, über die
Buchen, über den Wind, über das Tal, so laut also und so deutlich, als
wollte er in diesem einen Schrei alle Antworten geben auf alle von ihm
bisher unbeantworteten Fragen: Vier-drei für die!, antwortete Milan
Jevric, genannt Mikimaus, auf die einfache Frage. Die führen eins,
stellte er fest, aber vielleicht reißen wir noch was in der
Nachspielzeit, vielleicht, schob Mikimaus die Unterlippe vor, geht hier
noch was.
Seine Worte richteten die serbische Abwehr auf, das serbische
Mittelfeld erhob sich, und der serbische Sturm goss Pflaumenschnaps,
nicht auf die schmerzende Mohammed-Ali-Faust, sondern in die eigene
Kehle, in einer Menge, dass Dino Zoff sehnsüchtige Augen machte.
Mikimaus räumte hinten alleine ab, der Rest stürmte. Der neue
Schiedsrichter Gavro zeigte acht Minuten Nachspielzeit an. Die
Territorialen verteidigten mit zehn Mann und droschen jeden Ball in die
serbische Hälfte. Nicht zu fest, die Minen. Die Bälle kamen prompt
wieder, Mikimaus haute sie stur lang und hoch in die Spitze zurück. In
der letzten Minute kamen die Territorialen zu einem Konter, Kiko
scheiterte an Mikimaus, der jetzt überall zu finden war, auch im Tor.
Mikimaus Antwort folgte umgehend, denn Mikimaus hatte zu antworten
gelernt. Er schnappte sich den Ball und dribbelte durch die Reihen der
Territorialen, als wäre er nicht mit Mistgabeln, sondern mit Maradona
aufgewachsen. Die Adern an seinem Hals traten hervor, er presste die
Lippen zusammen, rannte zwei bosniakische Verteidiger einfach um und
drosch aus gut dreißig Metern die Kugel auf Dino Zoffs Tor. Alles an
Kraft steckte der riesenhafte Mann in diesen einen Schuss, sein
Aufschrei danach ließ dutzende Vögel aus dem Wald aufstieben. Und der
Ball, dieser schmutzige, notdürftig geflickte Ball, strich über die
Lichtung auf Dino Zoffs Tor.
Um 17.55 Uhr pfiff Gavro ab. Mikimaus' Schuss war die letzte Aktion.
Die Spieler ließen sich erschöpft ins Gras fallen. Der Pfiff verhallte.
Niemand klatschte. Niemand jubelte. Aus dem Tal schwappte schwere
Stille auf das Plateau. Ruhig wurden die Waffen aufgehoben. Marko hielt
die Schnapsflasche schräg über Dino Zoffs Mund, bis einige Tropfen die
Lippen benetzten, sich dort mit dem Blut mischten. Aah, Sliwowitzum
bonum deorum donum! Hab ich ihn gehabt?, lispelte Dino Zoff und
schenkte Marko einen Zahn. Die Sonne warf lange Baumschatten auf die
Lichtung hinter Gottes Füßen, hinter Gottes Füßen in Soldatenstiefeln,
hinter Gottes Füßen, an denen Blasen trieben, hinter Gottes dribbelnden
Füßen.
Textauszug aus
Saša Stanišić: Wie der Soldat das Grammofon repariert